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24. Januar 2017

Vatikan

Papst Franziskus misst bei der Verfolgung sexuellen Missbrauchs mit zweierlei Maß

Kein Papst ist mit Missbrauchstätern in der katholischen Kirche so hart ins Gericht gegangen wie Franziskus. Seine verbalen Verurteilungen der Täter sind zahlreich und gnadenlos.

  1. Im Zeichen des Kreuzes wird nicht nur Gutes getan. Foto: dpa

Franziskus nannte die Pädophilie im katholischen Klerus eine "Monstrosität". Er verglich Missbrauch mit einer "schwarzen Messe". Bischöfe, die sexuellen Missbrauch durch Priester verheimlichen, sollten zurücktreten, forderte der Papst. Franziskus richtete eine Kommission ein, die den Kinderschutz in der Kirche fördern soll. Und er kündigte ein Tribunal an, in dem Bischöfe für Vertuschung zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Es klang wie eine Revolution.

Und tatsächlich hat es Fortschritte gegeben. Ein echtes Vatikan-Gericht für Bischöfe wurde zwar nicht geschaffen. Aber seit September vergangenen Jahres gibt es zumindest eine rechtliche Handhabe gegen Bischöfe, die ihre Sorgfaltspflicht verletzen. Die Entscheidungen darüber fällen Kardinäle und letztendlich der Papst hinter verschlossenen Türen (siehe Hintergrund rechts). Entlassungen in Folge des neuen Gesetzes sind seither aber nicht bekannt geworden. Im Gegenteil. Der italienische Enthüllungsjournalist Emiliano Fittipaldi weist in seinem neuen Buch "Lussuria" (Unzucht) darauf hin, dass die katholische Kirche weiterhin ein Glaubwürdigkeitsproblem hat.

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Zahlreiche Prälaten, die eng mit dem Papst zusammenarbeiten, haben in der Vergangenheit mit zumindest moralisch zweifelhaftem Verhalten auf sich aufmerksam gemacht. Der eklatanteste Fall ist der des australischen Kardinals George Pell, dem Franziskus die Neuordnung der Vatikanfinanzen anvertraute. Pell fiel in Australien seit den 90er Jahren durch erbarmungsloses Auftreten gegenüber Betroffenen auf, nachsichtig zeigte er sich hingegen mit des Missbrauchs überführten Priestern. Ein Missbrauchsopfer wirft Pell vor, ihm Schweigegeld angeboten zu haben. Mehrere Betroffene klagen Pell sogar persönlich wegen sexuellen Missbrauchs an, die Vorwürfe sind nicht bestätigt. Der Kardinal hat mit 75 Jahren bereits die Pensionsgrenze für Behördenchefs im Vatikan erreicht, aber der Papst hält weiter an ihm fest. In einem Statement wies der Kardinal die Anschuldigungen als "Angriffe" auf seine Reformversuche als vatikanischer Finanzminister zurück.

Pell ist nicht der einzige aus der obersten Machtetage im Vatikan. Da wäre etwa Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, der als Bischof in Honduras zwischen 2002 und 2003 eine Zeit lang einen von Interpol wegen Kindesmissbrauch gesuchten Priester unterbrachte. Maradiaga ist einer der engsten Vertrauten des Papstes, in einem Interview vor Jahren behauptete der Koordinator des Kardinalsrates, er würde eher ins Gefängnis gehen, als einen seiner Priester zu verraten. Eines der größten Probleme in der Kirche besteht offenbar weiter: Immer noch schützen viele Bischöfe lieber die Täter, als zur Aufklärung schwerer Straftaten beizutragen.

Mitunter griff der Franziskus persönlich durch. Bei von ihm geschätzten Mitarbeitern legt er aber andere Maßstäbe an. Er toleriert die Vertuschungen des chilenischen Kardinals Francisco Javier Errazuriz, der den Priester und pädophilen Serientäter Fernando Karadima deckte. Errazuriz ist Mitglied des neunköpfigen Kardinalsrats des Papstes und seit Jahren sein enger Vertrauter. Dem französischen Kardinal Philippe Barbarin sieht er dessen Tatenlosigkeit gegenüber einem des Missbrauchs überführten Priester nach.

"Das Buch wimmelt von Fehlern, Ungenauigkeiten und Vermutungen", kritisierte der Jesuitenpater Hans Zollner, Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission. Viele der Vorwürfe seien nicht neu. Tatsache ist auch, dass Täter sich nicht mehr so sicher fühlen können, wie noch vor wenigen Jahren. 1200 Anzeigen sind laut Fittipaldi in den ersten drei Amtsjahren von Franziskus bei der Glaubenskongregation eingegangen – doppelt so viele wie in den Jahren zwischen 2005 und 2009 unter Benedikt XVI.

Autor: Julius Müller-Meiningen