Parade ohne Provokation

Angela Köhler

Von Angela Köhler

Mo, 10. September 2018

Ausland

Nordkorea feiert 70. Jahrestag mit einem Waffenspektakel ohne Raketen und Atomsprengköpfe.

PJÖNGJANG/SEOUL/TOKIO.     Überraschend hat Nordkoreas Diktator Kim Jong-un seine schärfsten militärischen Waffen in den Arsenalen gelassen – bei der groß angekündigten Parade zum 70. Jahrestag der Staatsgründung in Pjöngjang ließ das Regime zwar seine Elitetruppen im Stechschritt aufmarschieren, Panzer und Kanonen auffahren, zeigte aber anders als sonst keine ballistischen Interkontinentalraketen. Dieser stark abgespeckte Militäraufmarsch in Nordkorea gibt Beobachtern Rätsel auf.

Derartige Anlässe werden dort üblicherweise dazu genutzt, um die vermeintliche Herrlichkeit des Führers, seine Erfolge und die militärische Macht des Systems zu demonstrieren. Kim Jong-un war zwar anwesend, überließ die Festrede jedoch dem zeremoniellen "Staatsoberhaupt" Kim Yong-nam.     Warum hat der Machthaber diese Gelegenheit nicht für eine säbelrasselnde Heerschau genutzt? In Südkoreas Hauptstadt Seoul gibt es dafür mehrere plausible Erklärungen. "Kim hat seinem Volk derzeit nicht viel Großartiges vorzuweisen", sagt Shin Beom-chul vom Asian Institut für politische Lage Nordkoreas. "Es gibt keine signifikanten Fortschritte in den Verhandlungen mit den USA, die es zu feiern gäbe." Ein Säbelrasseln jedoch könnte US-Präsident Donald Trump, der ohnehin mit dem Fortschritt bei der zugesagten nuklearen Abrüstung unzufrieden ist, weiter provozieren, meint der Politikwissenschaftler.

Weil sie eine solche Provokation befürchtet hatten, waren keine prominenten Staatsgäste aus dem "befreundeten" Ausland China oder Russland angereist. Vor allem der chinesische Staatschef Xi Jinping war zur Jubiläums-Show eingeladen und erwartet worden. Peking sagte aber ab, wohl, weil TV-Bilder mit Kim und Xi vor der Kulisse eines provozierenden Waffenspektakels in Washington schlecht angekommen wären. Trump hatte China in den vergangenen Tagen mehrfach die Schuld an den ausbleibenden Erfolgen in der Nordkorea-Diplomatie gegeben.

Ein wichtiger Aspekt für die auffällige Zurückhaltung des Kim-Regimes ist sicher auch das für den 18. bis 20. September geplante interkoreanische Gipfeltreffen in Pjöngjang. Südkoreas Präsident Moon Jae-in drängt seinen Konterpart Kim immer wieder dazu, mit ihm und Trump über eine  "komplette Denuklearisierung" zu verhandeln. Skepsis ist jedoch angebracht, ob der bereits dritte interkoreanische Gipfel in diesem Jahr tatsächlich konkret belastbare Resultate erbringt. Sowohl die spektakuläre Begegnung zwischen Trump und Kim in Singapur wie auch die beiden Treffen zwischen Moon und Kim im April und im Mai am Grenzkontrollpunkt Panmunjom endeten ohne konkrete Zusagen Nordkoreas, sein Atom- und Raketenprogramm einzufrieren oder gar abzurüsten.

Bisher ist der nordkoreanische Führer nicht zu einem entschlossenen Schritt bereit. Stattdessen wiederholt Kim die Phrase, man "sollte die Bemühungen zum Erreichen der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel intensivieren". Unklar bleiben das Wie und das Wann.