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29. November 2011

Energie

Südafrika baut neue Kohlekraftwerke

Um seinen wachsenden Energiehunger zu decken, baut Südafrika neue Kohlekraftwerke.

Die Sonne verschwindet hinter grauen Schlieren, eine schwarze Staubschicht taucht auf den Straßen auf. Bis zu 40 Tonnen schwere Sattelschlepper haben unzählige Löcher in den Asphalt gerissen: Ununterbrochen pendeln sie zwischen Bergwerken, die wie aufgerissene schwarze Wunden die gewellte Landschaft übersäen, und riesigen Kraftwerksmeilern, die sich als qualmende Wahrzeichen am Horizont aufreihen.

Willkommen in der Kohleprovinz Mpumalanga. Elf riesige Kohlekraftwerke reihen sich in der Region östlich von Johannesburg – und das in einem Land, das Tagungsort des Weltklimagipfels ist. Aber die Teilnehmer versammeln sich in der luftigen Hafenstadt Durban. Südafrika präsentiert sich dort als leidenschaftlicher Advokat für eine kohlenstoffärmere Atmosphäre. Doch zu diesem Image passt auch die Großbaustelle nur wenige Kilometer nördlich der Stadt Kendal schlecht, wo derzeit das größte Kohlekraftwerk der Welt entsteht. Wer den Rohbau des künftigen Megameilers auch nur aus der Entfernung fotografieren will, wird sofort von Sicherheitskräften des Stromkonzerns Eskom festgehalten und verhört.

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In Kusile – dem Sonnenaufgang, wie das Kraftwerk genannt wird – ist man nervös geworden, seit Greenpeace-Aktivisten unlängst von einem Baukran ein Transparent mit der Aufschrift "Klimakiller" entrollten: Der 4800 Megawatt produzierende Moloch wird jährlich 37 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre schleudern. Südafrika steht auf der Liste der Produzenten von Treibhausgas an zwölfter Stelle, pro Kopf bläst das Land mehr CO2 in die Luft als die USA.

Mehr als Dreiviertel des Strombedarfs der energiehungrigen Regenbogennation werden in Mpumalanga, dem Kohlegürtel östlich von Johannesburg, erzeugt, obwohl in weiten Teilen des Landes fast das ganze Jahr über ein steifer Wind weht und an mehr als 300 Tagen des Jahres die Sonne scheint. Ideale Verhältnisse also für die Stromgewinnung aus regenerativen Quellen. Um den ständig steigenden Energiebedarf zu decken, wurden drei bereits eingemottete Kohlekraftwerke reaktiviert – außer Kusile soll noch ein zweiter Megameiler errichtet werden. Bereits heute werden am Kap fast hundert Millionen Tonnen Kohle verfeuert. Vor zwei Jahren verkündete der Stromkonzern Eskom: Das Land brauche 40 neue Minen, um den künftigen Bedarf zu decken.

"Goedgevonden" ist nur eine von weit mehr als hundert Minen im Kohlegürtel, aber das Tagebau-Bergwerk ist dennoch "gut zu finden". Das von dem australischen Xstrata-Konzern im Joint Venture mit dem reichsten schwarzen Südafrikaner, Patrice Motsepe, geführte Unternehmen ist mit seinem riesigen Abräumbagger und der mächtigen Kohlewaschanlage nicht zu übersehen. Hier werden monatlich 1,2 Millionen Tonnen Kohle gefördert, bald sollen es 2,5 Millionen sein.

Goedgevonden ist eine der effizientesten Kohleminen der Welt, erklärt Vorarbeiter Garry stolz: Zur Förderung der gigantischen Menge seien lediglich 300 Beschäftigte nötig. Bereits in drei Metern Tiefe stößt der nur von einem einzigen Mann gelenkte Abräumbagger auf die Kohle, die bis auf 30 Meter Tiefe abgetragen wird – danach wird es wegen des zunehmenden Wassereinfalls unwirtschaftlich. Nach dem Waschen werden die besten Stücke der hochwertigen Steinkohle für den Export mit der Eisenbahn in den mehr als 500 Kilometer entfernten Hafen Richardsbay transportiert; das weniger reine Material landet zur Verbrennung in den örtlichen Stromkraftwerken.

Pro Jahr werden in Südafrika mehr als 250 Millionen Tonnen Kohle im Wert von sieben Milliarden Euro aus dem Boden gekratzt, während mit dem legendären Gold am Kap der Guten Hoffnung nicht einmal fünf Milliarden Euro eingenommen wird. Trotzdem lässt sich der fünftgrößte Kohleproduzent der Welt lieber als das Goldland als das Kohleland feiern.

Witbank wurde vor mehreren Jahren in Emalahleni umbenannt, was auf Zulu "Kohle" bedeutet. Das urbane Zentrum des Kohlepotts sei der einzige Ort des Landes, wo man sehen kann, was man einatmet, scherzt Rian, ein Werkzeuglieferant. Obwohl die seelenlose Stadt, deren Einwohnerzahl im vergangenen Jahrzehnt von 60 000 auf 240 000 Menschen angestiegen ist, wie nie zuvor in ihrer gut hundertjährigen Geschichte boomt, ist Rian unzufrieden: Ständige Strom- und Wasserausfälle machten das Leben in dem Kohlepott unerträglich.

Joseph wurde vom Kohlerausch aus seiner 300 Kilometer entfernten Heimat angelockt und wohnt jetzt in einer Bretterbude in einem Slum am Stadtrand. Trotz des Booms konnte der 25-Jährige bislang nur einen schlecht bezahlten Job als Wachmann in einer soeben eröffneten Mine ergattern. "Zu viele Menschen jagen ein paar armseligen Jobs hinterher", klagt der Lasterfahrer mit Abitur: "Zumindest gibt es hier jedoch noch Chancen."

Dagegen zieht sich für Farmer Hannes der Himmel zu. 30 Jahre lang hat der Landwirt sein an der Straße zwischen Middleburg und Bethal gelegenes Gut bewirtschaftet, jetzt wollen die Bergwerksunternehmen auch seine 1500 Hektar umfassenden Maisfelder erwerben. Dem Landhunger der Kohlebarone hat Hannes nichts entgegenzusetzen: "Selbst wenn wir Nein zum Verkauf sagen, werden wir auf Dauer neben den Minen nicht überleben können". Inzwischen ist der Regen so sauer und das Grundwasser so verseucht, dass die Bergwerksunternehmen den Farmern Trinkwasser in Tanklastern liefern müssen.

Am Ende der Tagestour durch die Kohleregion setzt die Dämmerung ein, in der die meterhohen Gasfackeln der Kohleverflüssigungsanlage in Secunda noch viel weiter zu sehen sind. Hier produziert der Mineralölkonzern Sasol ein Drittel des südafrikanischen Kraftstoffbedarfs aus Kohle. Wegen des hohen Ölpreises hat die wegen ihrer mangelhaften Effizienz umstrittene Kohleverflüssigung neuen Auftrieb bekommen: Sasol will seine Tagesproduktion um 20 Prozent auf 180 000 Fass Brennstoff steigern, schon heute verflüssigt der Konzern rund 40 Millionen Tonnen Kohle im Jahr.

Nicht weit vom Tor zum geschützten Betriebsgelände entfernt steht ein eigens für Kohlebarone und die rund 30 000 Sasol-Angestellten errichtetes Spielcasino. Der Konzern beschäftigt so viele promovierte Ingenieure wie kein anderes Unternehmen auf der südlichen Erdhalbkugel: Am vollen Parkplatz wird deutlich, dass es ihnen nicht an Kohle mangelt. Irgendwohin muss der aus dem schwarzen Gold gezogene Gewinn ja fließen.

RÜCKKEHR DER KOHLE

In nur wenigen Jahren sind einige Schwellenländer in die Gruppe der Länder mit dem größten CO2-Ausstoß aufgestiegen. Grund ist der Ausbau der Kohlekraft. Südafrika bezieht 90 Prozent seines Stroms aus Kohle, in China sind es 70 Prozent. Indien baute seit 2007 immerhin 55 neue Kohlekraftwerke, der Anteil des Kohlestroms liegt bei 55 Prozent.  

Autor: BZ

Autor: Johannes Dieterich