Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

31. Juli 2014

Uncle Sam will keine Kinder aus Mittelamerika

Zehntausende minderjährige Flüchtlinge kommen über die mexikanische Grenze in die USA – und werden zurückgeschickt.

Nicht nur die Zahlen sind alarmierend: Nach Angaben der US-Behörden sind in den vergangenen zehn Monaten mehr als 57 000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vorwiegend aus El Salvador, Guatemala und Honduras ohne gültige Aufenthaltspapiere in die USA gekommen. Fast noch schockierender ist die Hilflosigkeit, welche die US-Behörden, aber auch die Herkunftsländer der Flüchtlinge in der dramatischen Situation an den Tag legen.

Die USA reagieren bislang mit der ganzen Härte des Gesetzes und schicken die aufgegriffenen Kinder zurück in ihre Heimatländer. Dort warten allerdings Gewalt und bittere Armut auf die Kinderflüchtlinge. Betroffen sind vor allem die Länder Nicaragua, El Salvador, Honduras und Guatemala, das Armenhaus Mittelamerikas. Hunderte Kinder und Jugendliche strömen aus diesen Ländern täglich Richtung Mexiko. Von dort aus wollen sie irgendwie über die Grenze in die USA gelangen.

Eine Schleppermafia, deren Handlanger den Flüchtlingen oft ihr letztes Hab und Gut abnehmen, verspricht, sie "ins gelobte Land" zu bringen. Ein schmutziges Geschäft, wie einer der einflussreichsten Kirchenführer Lateinamerikas kritisiert: Der international bekannte honduranische Kardinal und Erzbischof von Tegucigalpa, Oscar Rodriguez, fordert harte Gefängnisstrafen. Oft werden die Migranten irgendwo auf der langen Strecke einfach ihrem Schicksal überlassen.

Werbung


Bereits in Mexiko ist für viele die Reise zu Ende. Die mexikanische Tageszeitung El Universal berichtete, dass von den 9893 minderjährigen Migranten, die in Mexiko im Jahr 2013 ohne gültige Aufenthaltspapiere aufgegriffen worden seien, 84 Prozent (8350) in ihre Heimatländer abgeschoben worden seien. Der Rest sei mit unterschiedlichen Aufenthaltsgenehmigungen bei Familien untergebracht worden, berichtet die Zeitung unter Berufung auf das Menschenrechtszentrum Fray Matias de Cordova.

Bereits in Mexiko gelten die Flüchtlinge aus Mittelamerika als illegal. Das macht sie zu einer leichten Beute für die Drogenkartelle, die die Flüchtlinge entweder dazu zwingen als Drogenkuriere zu arbeiten oder sie in die Zwangsprostitution drängen. Weil die Migranten ohne gültige Aufenthaltspapiere in Mexiko sind, können sie nicht zur Polizei: Ihnen droht die sofortige Abschiebung. Weigern sie sich, die schmutzigen Geschäfte der Mafia mitzumachen, droht ihnen mitunter sogar die Hinrichtung. Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Massaker an den Migranten, immer wieder werden Massengräber gefunden.

Der mexikanische Migrantenpriester Alejandro Solalinde, der seit Jahren von der Drogenmafia Morddrohungen erhält, weil er sich für den Schutz der Flüchtlinge einsetzt und damit die schmutzigen Geschäfte stört, forderte jüngst ein offizielles Aufenthaltsrecht für die Flüchtlinge in Mexiko, damit diese auch den Schutz des Rechtsstaates genießen könnten.

Die Polizei verdient mit

am Menschenhandel
Zumindest auf dem Papier, denn obendrein verdient auch die mexikanische Polizei an dem Geschäft der Menschenhändler mit, indem sie Schmiergelder kassiert. Und auch der ein oder andere US-Grenzbeamte hält offenbar die Hand auf, wie Kardinal Rodriguez von seinen US-amerikanischen Amtsbrüdern erfahren haben will: "Es gibt auch dort ein Phänomen der Doppelmoral."

Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu (55) aus Guatemala erwartet von den Präsidenten Mittel- und Nordamerikas mehr Engagement: "Was wir hören wollen, sind Zusagen von ihnen, dass sie klarmachen, mit welcher Politik sie das Problem lösen wollen", sagte die Mittelamerikanerin mit Blick auf das jüngste Gipfeltreffen von US-Präsident Barack Obama mit seinen Amtskollegen Salvador Sanchez Ceren (El Salvador), Otto Perez Molina (Guatemala) und Juan Orlando Hernandez (Honduras). Bei diesen Treffen stünden zu sehr Protokollfragen im Vordergrund: "Aber was wir sehen müssen, ist, dass sie einen Ausweg vorschlagen. Wir brauchen konkrete Aktionen, Hilfsmaßnahmen, Zusagen, politischen Willen."

Immerhin überlegt die US-Regierung, einigen Betroffenen aus Honduras legal Zuflucht zu gewähren. Das Weiße Haus wolle möglicherweise Hunderte Kinder und Jugendliche wegen der Gewalt in dem zentralamerikanischen Staat aus humanitären Gründen als Flüchtlinge aufnehmen, berichtete die New York Times unter Berufung auf einen entsprechenden Entwurf. Das Weiße Haus selbst sprach von einem "kleinen Pilotprogramm". Es müsse ermittelt werden, ob Kinder vor dem Verlassen ihrer Heimat daraufhin geprüft werden könnten, ob sie legal in die USA kommen dürften. Es solle aber dadurch keine Flüchtlingswelle in Gang gesetzt werden, hieß es. Das Konzept müsse zudem zunächst mit den Regierungen der anderen betroffenen Länder besprochen werden.

Autor: Tobias Käufer