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23. September 2011

Wikileaks-Gründer Julian Assange

Unfreiwillige Selbstenthüllungen

Gegen den Willen des Wikileaks-Gründers Julian Assange hat ein schottischer Verlag dessen Lebenserinnerungen veröffentlicht.

  1. Julian Assange Foto: DPA

LONDON. Eines Schmunzelns konnten sich viele Briten am Donnerstag nicht erwehren. Ist Mister Wikileaks, entschlossener Entschleierer geheim gehaltener Informationen, ein Opfer eigener unfreiwilliger Entschleierung? Anlass zu dieser Frage gab die überraschende Veröffentlichung der Lebenserinnerungen Julian Assanges – gegen dessen Willen.

Ein kleiner schottischer Verlag breitet auf 244 Seiten aus, wie der Australier sich so sah, wie er aber von der Welt nicht unbedingt gesehen werden wollte. In Hunderten von Buchhandlungen in Großbritannien können interessierte Kunden seit Donnerstag Assanges "Unautorisierte Autobiografie" erwerben. Was man erfährt, ist etwa, dass Assange den in Stockholm gegen ihn erhobenen Vorwurf der Vergewaltigung für unsinnig hält. Seinetwegen könne man ihn "ein chauvinistisches Schwein" nennen – aber keinen Vergewaltiger, erklärt der 40-Jährige in den ihm zugeschriebenen Aufzeichnungen. Ein bisschen unachtsam habe er sich gegenüber den Frauen benommen. Das sei ihm übel heimgezahlt worden. Es bleibe noch abzuklären, ob die US-Administration ihn mit der Vergewaltigungsstory nicht in eine Falle habe locken wollen.

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Assange, noch unter Hausarrest in England, wo er auf den Fortgang seines Auslieferungsverfahrens wartet, kann schlecht bestreiten, dass er solches zu Protokoll gegeben hat. Er selbst räumte im Dezember dem Canongate-Verlag das Recht zur Veröffentlichung seiner Erinnerungen und deren weltweitem Weiterverkauf ein. 50 Stunden lang ließ er sich von einem Ghostwriter, dem schottischen Schriftsteller Andrew O’Hagan, interviewen. Auf der Basis dieser Interviews entstand ein erster Entwurf. Der wurde Assange im März zugestellt. Der Entwurf aber missfiel dem Wikileaks-Gründer. Möglicherweise kamen ihm auch Bedenken, ob solche Bekenntnisse seinen Prozessaussichten zuträglich sind. Im Juni kündigte er den Vertrag mit Canongate. Bei dieser Gelegenheit, meint der Verlag, habe Assange erklärt, Memoirenschreiben sei Prostitution. Bei Canongate bestand man auf einer Veröffentlichung, da Assange ein Honorar erhalten hatte, das er nicht mehr zurückzahlen wollte. Er hatte es seinen Anwälten für Prozesskosten zur Verfügung gestellt. Um die nicht eben kleine Summe von 400 000 Pfund soll es sich gehandelt haben.

Darüber hinaus sah sich Canongate an Verträge mit 38 auswärtigen Verlagen gebunden. Das kleine, selbst ins Schlingern geratene Verlagshaus beschloss, die autobiografischen Notizen auch gegen Assanges Willen zu veröffentlichen. Nachdem Assange auf ein Ultimatum zur Fertigstellung des Manuskripts nicht reagiert hatte, bereitete man in Edinburgh die "unautorisierte" Fassung zur Herausgabe vor. Gelöscht wurde der Name O’Hagans. Der Ghostwriter wollte mit dem Endprodukt nichts mehr zu tun haben.

Heimlich wurden Zehntausende Exemplare in Buchhandlungen verfrachtet, damit Assange die Publikation nicht in letzter Minute stoppen würde. "Verarscht" fühle er sich, von doppelzüngigen Opportunisten, grollte Assange. Geldgierige Verleger hätten ihn hereingelegt.

In Großbritannien blättert man halb neugierig, halb kopfschüttelnd in der "Unautorisierten Autobiografie". In ihr spricht Assange über seine Kindheit in Australien, über Ausflüge ins Reich der Hacker und Computerfreaks und über die Geburt Wikileaks aus dem Geiste radikaler Bemühungen um politische Transparenz. Das meiste Interesse gilt aber den Anschuldigungen gegen Assange, zwei Frauen in Stockholm sexuell belästigt und eine von ihnen sogar vergewaltigt zu haben. Im Buch meint Assange, er habe sich bei den Frauen unbeliebt gemacht, weil er Anrufe nicht beantwortet habe.

Autor: Peter Nonnenmacher