Paris

Verein will den Nordturm der Kathedrale von Saint-Denis mit historischer Technik wieder aufbauen

Michael Neubauer

Von Michael Neubauer

Mi, 06. Juli 2016

Ausland

Ein Verein will den Nordturm der Kathedrale von Saint-Denis wieder aufbauen – mit den Techniken von damals.

Die Schöne hat für ihn einen großen Makel. "Es ist, als ob ihr ein Arm oder ein Bein amputiert wurde", sagt Luc Fauchois. Der 65-Jährige steht vor der Kathedrale von Saint-Denis nördlich von Paris. Rechts ein Glockenturm, links aber Leere: Seit eineinhalb Jahrhunderten fehlt der Basilika der zweite, einst viel höhere Kirchturm samt seiner Spitze. Fauchois kämpft dafür, dass er wieder erbaut wird. Nicht irgendwie. Sondern mit Bautechniken aus dem Mittelalter.

Während Fußballfans bei der Europameisterschaft in die andere Sehenswürdigkeit der Stadt strömen, ins Stade de France, sind in der Innenstadt Plakate mit der Aufschrift "Folgen Sie der Kirchturmspitze" zu sehen. Fauchois ist Vorsitzender des gleichlautenden Vereins "Suivez-la-flèche", und diese Plakate werben für den Wiederaufbau. Wird der wahr, bekommt Frankreich eine der außergewöhnlichsten Kathedralenbaustellen.

Der frühere Leiter der Kommunikationsabteilung der Stadt in den Außenbezirken von Paris setzt sich in die Bar Le Basilic und bestellt ein Bier. Dann schwärmt er von der historischen Bedeutung der Kathedrale. Geweiht ist sie dem heiligen Dionysius, dem ersten Bischof von Paris, der im Jahr 250 den Märtyrertod erlitt. Der Legende nach wurde er in der Zeit der Christenverfolgung auf dem Montmartre enthauptet. Danach soll er seinen Kopf genommen haben und bis zum Standort der heutigen Basilika marschiert sein, wo er tot umfiel und begraben wurde.

"Während des Mittelalters war Saint-Denis der Sitz der religiösen wie auch politischen Macht", erzählt Fauchois, der einst Geschichte studierte. Im fünften Jahrhundert war der Bau zunächst eine Klosterkirche und Teil einer mächtigen Benediktinerabtei. Im zwölften Jahrhundert hat der einflussreiche Abt Suger die ersten spitzbogigen Kreuzrippengewölbe einbauen lassen – deshalb gilt die Kathedrale als eine der Gründungsbauten der Gotik. Zudem wurde sie zum bevorzugten Bestattungsort der französischen Herrscher. 42 Könige, 32 Königinnen, 63 Prinzen und Prinzessinnen sind hier begraben. Es sei traurig, dass nur 160 000 Menschen im Jahr dieses außergewöhnliche Kulturerbe besichtigten, während 13 Millionen in die Pariser Kathedrale Notre-Dame strömten, meint Fauchois.

Er hofft, dass der Turmbau die Massen anlockt. Der nördliche Kirchturm war 1219 fertig gebaut, 86 Meter war er hoch. "Die Turmspitze war von Weitem in der ganzen Pariser Region sichtbar", sagt Fauchois. Man wollte Notre-Dame in Paris Konkurrenz machen. Mehr als 600 Jahre später, 1837, schlägt ein Blitz in den Turm ein. Kurze Zeit später rütteln schwere Stürme am Bauwerk. Weil der Turm dabei gefährlich beschädigt wird, lässt der berühmte Architekt Viollet-le-Duc ihn fast zehn Jahre später abbauen. Sorgfältig lässt er die Steine nummerieren, macht genaue Skizzen vom Rückbau. Sein Plan: Der Turm soll wieder aufgebaut werden, wenn die Fassade und der Rest der Kathedrale restauriert und gefestigt wären. Doch dazu kommt es nicht mehr. Seit den 1970er-Jahren träumen zahlreiche Dionysiens, wie die Einwohner von Saint-Denis genannt werden, vom Wiederaufbau. Mal gibt es Petitionen, mal Briefe an die Regierung, mal eine Demonstration mit Lasershow vor der Kathedrale. 1989 gibt sogar der sozialistische Kultusminister Jack Lang sein Einverständnis – aber der Staat will keinen einzigen Franc dazugeben. Dann gerät die Kathedrale aus dem Blickfeld, denn Saint-Denis bekommt eine weitere Sehenswürdigkeit: das Stade de France. 1998, zur Fußball-Weltmeisterschaft, wird es eingeweiht. Alle schauen auf das Endspiel in Saint-Denis – und Frankreich wird Weltmeister.

Nun bekommt das Turmwunder eine neue Chance. Nicht nur, weil ein hochkarätiges Unterstützerkomitee für den Bau wirbt. "Sondern weil in den vergangenen Jahren etwas Spannendes in Frankreich passiert ist", sagt Fauchois. Er meint damit die Lust der Franzosen auf Mittelalter-Baustellen. Zum einen wird derzeit im Burgund eine mittelalterliche Burg erbaut namens Guédelon – mit den Techniken und Werkzeugen von früher. Mit Steinen aus dem Steinbruch von nebenan. Mit Ziegeln, die mit Tonerde vor Ort gebrannt werden wie im 13. Jahrhundert. Mit Arbeitern in Hamsterrädern, mit deren Hilfe das Material nach oben gezogen wird. Finanziert wird das alles durch den Eintritt der Besucher. Und diese kommen in Scharen: rund 300 000 im Jahr. Einen ähnlichen Erfolg hatte der Nachbau der aus dem 18. Jahrhundert stammenden französischen Fregatte "Hermione" in Rochefort in den Jahren 1997 bis 2014.

Auch Saint-Denis setzt auf die Lust der Franzosen an der Zeitreise. 20 Millionen Euro würde das Projekt in Saint-Denis kosten. Eine Anschubfinanzierung für die Projektstudien würden private Unternehmen sichern, der Rest komme durch die Eintritte herein, sagt Fauchois. Geplant ist eine einzigartige Mittelalter-Baustelle mit Steinmetzen, Schmieden, Zimmermännern. Lastenkarren sollen rollen, Seilwinden schnurren. An der Kathedrale soll eine Atmosphäre herrschen wie damals – mit Händlern, Gauklern, geschäftigem Treiben. Anders als in Guédelon sollen die Handwerker zwar keine mittelalterliche Kleidung auf der Baustelle tragen. Aber für Schulklassen und andere Interessierte soll es genau wie dort Workshops geben: Steinmetze erklären dann ihr Handwerk, Architekten sprechen über Statik und Geometrie. "Man kann von Paris aus mit der Métro ins Mittelalter fahren." Ein gigantisches Gerüst soll es den Besuchern ermöglichen, den Fortschritt des Turmbaus aus der Nähe mitzuverfolgen. Ein Aufzug brächte sie auf eine Höhe von 90 Metern: freier Blick auf Saint-Denis und gen Paris. Und dann soll man über eine Treppe rund um den Turm wieder nach unten laufen können.

Nach einem Besuch im Herbst 2015 stimmte Staatspräsident François Hollande dem Projekt zu. Vor wenigen Tagen kam aus dem Kultusministerium das Okay für die wichtigen finanziellen, juristischen und technischen Studien. Sind deren Ergebnisse positiv, kann es losgehen. Wunschtermin für den Baubeginn wäre das Frühjahr 2017, sagt Fauchois.

Es gibt allerdings heftigen Widerstand gegen das Projekt. Die Kunstzeitschrift La Tribune de l’art bezeichnete die Pläne als grotesk. Den Verantwortlichen gehe es nicht um das Bauwerk, sondern um eine Attraktion à la Disneyland. Die Kritiker berufen sich auf die Charta von Venedig, eine internationale Richtlinie zur Denkmalpflege aus dem Jahr 1964. Die verlangt unter anderem, dass Baudenkmäler nicht auf Vermutungen basierend verändert werden sollen. Luc Fauchois wehrt sich dagegen: "Wir verstoßen nicht dagegen, denn wir haben schließlich noch die detaillierten Pläne von einst." Er verweist auf den erfolgreichen Aufbau der Dresdner Frauenkirche.

"Es ist schon eine sehr verrückte Idee", sagt der Chef des Tourismusbüros der Stadt, Régis Cocault. Klar sei aber: Dieses Projekt würde Arbeitsplätze, Touristen und ein besseres Image bringen. Saint-Denis hat eine Jugendarbeitslosigkeit von 30 Prozent, einen hohen Migrantenanteil, viele soziale Probleme. Im November vergangenen Jahres wurde die Stadt doppelt traumatisiert. Erst sprengten sich am Stade de France drei Attentäter in die Luft, wenige Tage später stürmten Spezialkräfte bei einem Anti-Terror-Einsatz mitten im Stadtzentrum ein Haus, in dem sich Terroristen verschanzt hatten. Der Kirchturmbau soll der ganzen Stadt Elan geben – und sie einen.

Mehr Informationen im Internet unter suivezlafleche.fr