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27. Januar 2010 00:07 Uhr
Gedenken
Vor 65 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit
Die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee jährt sich zum 65. Mal. Zwischen 1940 und 1945 wurden dort mehr als eine Million Menschen ermordet.
WARSCHAU. In Polen galt das Konzentrationslager lange Zeit vor allem als ein "Ort des polnischen Martyriums". Erst in jüngster Zeit beginnen die Polen zu begreifen, dass dort vor allem Juden aus ganz Europa umgebracht wurden.
"Was verbinden Sie in erster Linie mit Auschwitz?", fragen seit nunmehr 15 Jahren Meinungsforscher des polnischen Instituts TNS OBOP. Zum ersten Mal seit 1995 antwortete die Mehrheit der befragten Polen jetzt: "In Auschwitz fand die Vernichtung der Juden" statt. Was für die meisten Westeuropäer längst zum historischen Grundwissen gehört, stellt in Polen eine Sensation dar. Der Soziologe Marek Kucia, der die Umfrage leitet, spricht von einer "mentalen Revolution". Noch vor fünfzehn Jahren brachten nur acht Prozent der Befragten Auschwitz mit dem Holocaust in Verbindung.Werbung
Die Deutschen, die 1939 Polen überfallen hatten, legten Mitte 1940 im oberschlesischen Ort Oswiecim das Konzentrationslager Auschwitz an. Dort, zwischen Kattowitz und Krakau, fanden die Besatzer Kasernen und Ställe aus der österreichischen Herrschaft in Polen vor. Die ersten Gefangenen, allesamt polnische Widerstandskämpfer und Intellektuelle, mussten das Lager ausbauen, Stacheldrahtzäune ziehen und die Hundelaufspuren anlegen. Ein Häftling musste die berüchtigte Torinschrift "Arbeit macht frei" schmieden. Der vor einigen Wochen gestohlene Schriftzug ist zwar inzwischen wieder aufgetaucht, wird allerdings zum 65. Jahrestag der Befreiung des KZs durch die Rote Armee noch nicht wieder über dem Haupttor hängen. Der in drei Teile zersägte Schriftzug muss erst wieder zusammengeschweißt werden. Bei dem Gedenken heute wird über dem Tor eine fünf Meter lange Kopie hängen.
Drei Kilometer weiter, im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, ermordeten die Deutschen rund eine Million Juden aus ganz Europa, über 20 000 Sinti und Roma sowie 15 000 russische Kriegsgefangene. Die meisten christlichen Polen hingegen, rund 70 000, kamen im "Stammlager" ums Leben, dem Verwaltungszentrum aller Auschwitz-Konzentrationslager.
Die aktuelle Meinungsumfrage zeigt, dass sowohl die Schulbildung wie auch die Medien in Polen versagt haben, wenn es um die Vermittlung von historischem Grundwissen geht. So sind die meisten der Befragten überzeugt, dass in Auschwitz nicht eine Million Menschen, sondern sechs Millionen ermordet wurden. Dies aber ist die Gesamtzahl der ermordeten Juden Europas. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass über andere Vernichtungslager wie etwa Treblinka, Sobibor, Kulmhof oder Belzec nur selten berichtet wird.
Die Frage, für wen die Erinnerung an Auschwitz wichtig sei, beantworten zwar über 60 Prozent der Befragten mit "für die ganze Welt". Allerdings denken nur 20 Prozent der Polen, dass die Erinnerung an Auschwitz für Juden wichtig sei. Rund ein Viertel hält sie allerdings wichtig für die Polen selbst.
Die polnisch-jüdische Historikerin Zofia Wojcicka, die ein Buch über die Erinnerungspolitik der polnischen Kommunisten 1944 bis 1950 geschrieben hat, freut sich über die Umfrage, die den allmählichen Wandel des Geschichtsbildes in Polen dokumentiert. "Die nationalistisch anmutende Konzentration auf das polnische Leid in Auschwitz hatte weniger mit dem tatsächlichen Nationalismus der Polen zu tun als mit ihrer Isolation hinter dem Eisernen Vorhang." Die kommunistische Zensur habe über Jahrzehnte hinweg keine andere Erzählung zugelassen. Juden seien öffentlich nicht zu Wort gekommen. Dies habe sich erst 1989 geändert. "Die Umfrage zeigt, dass sich in Polen langsam das Geschichtsbild durchsetzt, das der historischen Wahrheit entspricht", so Woycicka. Historischen Nachholbedarf sieht sie allerdings auch im Ausland: Der Eiserne Vorhang habe auf der anderen Seite ebenfalls Wissenslücken entstehen lassen. "Im Westen, auch in Israel, weiß kaum jemand, dass in Auschwitz auch christliche Polen ermordet wurden."
Eine andere Umfrage wird sogar seit 1975 immer wieder durchgeführt: "Was denken und fühlen Polen, wenn sie an Juden denken?" Zunächst wurden nur die Sympathiewerte vermerkt. 1975 spürten gerade mal vier Prozent der Polen eine gewisse Sympathie gegenüber Juden. Das war zugleich der absolute Tiefpunkt. Ab da zeigte das Sympathiethermometer Jahr für Jahr ein paar Wärmegrade mehr an.
Der Schock kam 1993, als zum ersten Mal auch die Abneigung gegenüber Juden gemessen wurde: Über die Hälfte der Befragten hatte ihr Kreuzchen beim Satz "Juden sind mir unsympathisch" gemacht. Ähnlich fiel das Ergebnis 2005 aus. Im Jahre 2005 erklärten zugleich knapp 60 Prozent der befragten Polen, dass "die Juden, so wie früher, zu viel Einfluss in der Welt" hätten.
2005 waren Parlamentswahlen in Polen. Die nationalkonservative Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) gewann mit ihrer Angstmache vor den angeblichen inneren Feinden Polens, die sich zu einem "Geheimbund" zusammengeschlossen hätten und Polen ins Verderben reißen wollten. Das Wort Jude fiel zwar nicht in der Wahlkampagne, aber die Botschaft fiel auch so bei vielen auf fruchtbaren Boden.
Inzwischen ist die Sympathiekurve wieder angestiegen. Der größte Sprung war nach den vorgezogenen Parlamentswahlen 2007 zu verzeichnen, als die Abneigung der Polen gegenüber Juden auf 32 Prozent sank, die Sympathieskala hingegen um elf Prozentpunkte anstieg – von 23 Prozent auf 34 Prozent. Der Soziologe Antoni Sulek ist überzeugt, dass das Bild, das sich Polen von Juden machten, stark dem Selbstbild entspreche. Je sympathischer die Polen sich selbst fänden, um so sympathischer fänden sie auch Juden.
Autor: Gabriele Lesser
