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10. April 2010

"Wir können uns Ideale leisten"

BZ-INTERVIEW mit Think-Tank-Wissenschaftler Thiemo-Marcell Jeck, der von Freiburg aus nach Brüssel schaut.

  1. Thiemo Marcell-Jeck, Jurist beim Think Tank: Centrum für europäische Politik CEP in Freiburg Foto: privat

Einige von Deutschlands wichtigsten Think Tanks haben ihre Wurzeln in Freiburg, seit vier Jahren auch das Centrum für Europäische Politik (CEP). Acht Wissenschaftler versuchen von hier aus, Einfluss auf die europäische Gesetzgebung zu nehmen. Der Jüngste von ihnen ist der Jurist Thiemo-Marcell Jeck (31). Mit ihm sprach Sarah Nagel.

BZ: Think Tanks müssen der aktuellen Debatte immer einen Schritt voraus sein, heißt es. Über was denken Sie gerade nach?
Thiemo-Marcell Jeck: Griechenland ist natürlich unser großes Thema im Moment. Wir wollen klarstellen, dass auf EU-Ebene jeder Staat für seine Finanzen selbst verantwortlich ist. Ansonsten orientieren wir uns am Arbeitsprogramm der EU-Kommission. Wir erstellen zeitnah unsere Kurzanalysen zu Vorschlägen der Kommission zu wirtschaftsrelevanten Themen, etwa aus Bereichen wie Binnenmarkt, Finanzmarkt und Umwelt.
BZ: Sie haben zuletzt eine Studie zur europäischen Dimension des Sports veröffentlicht, weil mit Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags die EU erstmals eine Kompetenz für den Sport erhält. Wie haben Sie das denn bewertet?

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Jeck: Uns ist nicht klar geworden, wo aus ordnungspolitischer Sicht der Mehrwert ist, wenn man den Sport auf europäischer Ebene subventioniert. Manche Ideen finden wir auch einfach nur absurd: Profisportler sollen nach ihrer Karriere zum Beispiel bei der weiteren Berufswahl unterstützt werden. Die haben das ja wahrscheinlich nicht unbedingt nötig.
BZ: Wie kommen Sie zu Ergebnissen?
Jeck: Wir betrachten ein Thema immer im Zweierteam. Ich als Jurist arbeite mit einem Ökonomen zusammen. Wir tragen unsere Gedanken zusammen, dann sprechen wir mit allen möglichen Experten.
BZ: Wer ist denn überhaupt an Ihrer Meinung interessiert?
Jeck: Hauptsächlich Abgeordnete aus dem EU-Parlament aller politischer Couleur. Zielgruppe sind aber auch die Medien, interessierte Unternehmen und Bürger. Unser Hauptanliegen ist es, Europapolitik in Deutschland bekannter und nachvollziehbarer zu machen. Jeder kann sich auf unserer Webseite die Ergebnisse unserer Studien herunterladen.
BZ: Sie sind ein marktwirtschaftlich ausgerichtetes Institut. Wo sehen Sie in Ihrer Arbeit die Abgrenzung zum Lobbyismus?
Jeck: Wir sind nicht von fremden Interessen gesteuert und keinem Rechenschaft schuldig. Wir vertreten unsere eigenen Ansichten und machen das transparent. Auch wenn wir eine klare marktwirtschaftliche Ausrichtung haben, sind wir von keiner Partei oder Interessengruppe abhängig.

BZ: Haben Sie denn das Gefühl, dass die Öffentlichkeit sich wirklich für Ihre Themen interessiert?
Jeck: Naja, Griechenland beherrscht jetzt die Medien. Ansonsten finden Dinge, die in Brüssel gut laufen, ja oft kaum Beachtung. Ich meine, wir haben immerhin ein fast grenzenloses Europa, dessen Bürger sich austauschen können. Das wird ja kaum gewürdigt. Mag sein, dass bei den langsamen Entscheidungsprozessen manchmal der Atem einfach nicht ausreicht. Aber ohne Öffentlichkeit kann es kein starkes Europa geben.
BZ: Politiker werfen den Wissenschaftlern manchmal vor, ihnen fehle der Realitätsbezug. Was sagen Sie dazu?
Jeck: Es ist richtig, dass wir uns im Gegensatz zu vielen Politikern Ideale leisten können. Wir haben das Privileg zu sagen: In einer perfekten Welt könnte es so oder so aussehen. Aber wir sitzen hier nicht im Elfenbeinturm. Wir nehmen an Debatten teil und sind oft in Straßburg, Brüssel und Berlin. Aber der Blick von außen, den wir von Freiburg aus haben, ist auch wichtig.

Autor: sar