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01. Februar 2012
Der Gegenstand ist die Farbe
Ralph Fleck zeigt in der Freiburger Galerie Baumgarten, wie er Malerei versteht.
Der Kunstkritiker Hans-Joachim Müller hat recht, wenn er Ralph Flecks Farbsinnlichkeit beschreibt: Unzutreffend sei hier die Rede von der Nature morte so lange Farbe derart lebt. Stilllebenhaft sind sie alle, die Bilder, die Albert Baumgarten jetzt in seiner Freiburger Galerie zeigt, einige wirken geradezu deliziös: Flecks Austern – man möchte sie förmlich mit den Augen aufschlürfen, mitsamt ihrer braunkrustigen Schale.
Kraftvolle Pinselbewegung ist ihrer Farbmaterie eingeschrieben, die Lust, die plastische Qualität der Motive im Prozess des visuellen Abtastens noch zu steigern – und immer auch die bekannte Routiniertheit im malerischen Umgang mit den Dingen. Dabei formulieren Flecks "Lebensmittel", seine Bücherwände und -stapel, seine Berglandschaften und Stadtansichten keine platten Analogien. Ihre bodenständig massive Präsenz entfalten sie ausschließlich als Gegenstand der Farbe. Flecks Motive sind nie mehr, aber auch nicht weniger als farbgestische Materialisierungen, allenfalls immer neue, frische Anverwandlungen und vitale Aneignungen der Außenwelt: ein Neu-, Genau- und Anderssehen des vermeintlich Altbekannten. Um nichts weniger geht es dabei, als um den "Wiedererkennungseffekt", sondern um den sprichwörtlichen Mehrwert der Kunst, den sich der Maler mit jedem Bild zu bestätigen scheint. Abstrakt oder realistisch? Diese Unterscheidung ist ihm nicht wirklich wichtig und an eine Creatio ex nihilo hat Fleck ohnehin nie geglaubt.
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Nähert man sich seinen Bildern auf Handbreite, verliert der Begriff Realismus tatsächlich jede Substanz. Seine in Nahsicht gemalten Bücherwände, seine auf ihr grafisches Raster reduzierten Hochhausfassaden und Häuserkarrees sind dann nichts als Farbstruktur.
Auf größere Distanz entfalten aber gerade seine Regalbilder einen überraschenden Trompe-l’oeil-Effekt: Gemalte Buchrücken als Platzhalter des Weltwissens. Die Frage nach dem Dahinter der Erscheinungen wird gleichsam mit augenzwinkernder Sachlichkeit gestellt. Nein, Flecks Motive weisen nie über sich hinaus; seine Malerei bildet einen entschiedenen Gegenpol zum Werk so unterschiedlicher Maler wie etwa Anselm Kiefer und Neo Rauch. Keine Spur von Symbolismus.
Letztlich ist es gleichgültig, ob das Weichbild einer Vorstadt von oben tatsächlich Genua bezeichnet oder den Montparnasse. Wie Farbe zum Inbild der Urbanität gerinnt und Stadtlandschaft zur reinen Farbe werden kann – allein dieser Prozess der zweifachen Verwandlung scheint zu interessieren. Da mag das Motiv mitunter als Vorwand für den immer neuen Selbstbeweis gelten, dass Fleck diese Verwandlung und Rückverwandlung virtuos beherrscht. Worin aber besteht nun jener Mehrwert für den Betrachter? In der Verfremdung des Gewohnten und im vertieften Neu-Sehen.
Evident wird dies dort, wo gerade nicht die Materialität der Dinge mit selbstgewisser Malerfaust gefeiert wird, sondern Gestalt erst peu à peu aus Verborgenem erfährt. Für uns sind es Flecks Alpenbilder, auf denen, jenseits des perfekt beherrschten farbgestischen oder strukturellen Oberflächenreizes, die Bewegung des Sehens am ehesten selbst Thema wird: Ton in Ton geht das Blaugrau des Himmels und der Schneeflächen ineinander über, und irgendwo im oberen Drittel behauptet ein sonnenbeschienener Firn, ein Gipfel oder ein Felsengrat einen Rest Erhabenheit. Kein Pathos, nichts als stimmungshafte Andeutung und darin enthalten das Wissen, dass Veränderung das Wesen der Dinge ist.
– Galerie Baumgarten, Kartäuserstr. 32, Freiburg. Bis 18. Februar, Di bis Fr 15–19, Mi, Do auch 10–12, Sa 11–15 Uhr.
Autor: Stefan Tolksdorf
