Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. Dezember 2011

Der Maler fungiert als Zeitzeuge

Jubiläumsausstellung  im Lörracher Museum am Burghof anlässlich des 90. Geburtstags von Gottfried Legler.

"Was du siehst oder sehen willst, ist deine Sache. Ich habe mich damit beschäftigt, vielleicht mich dadurch von der Wirkmächtigkeit des Geschehens befreit, vielleicht auch nur das Leben, die Vielfalt, die Farbigkeit einfangen wollen." Beim Gang durch die große Jubiläumsausstellung  anlässlich des 90. Geburtstags von Gottfried Legler im Museum am Burghof in Lörrach werden beide Möglichkeiten bestätigt, die der Künstler aus Steinen dem Betrachter angeboten hat. Nicht mit lauten Worten, sondern mit stillem Nachdenken und Mitfühlen, so scheint es, hat der Künstler Zeit seines Lebens auf das Unheile in der Welt, auf Bedrohungen wie die Zerstörung der Umwelt ("Bhopal") und auf  schreckliche  Geschehnisse wie Krieg ("Sbrenica") und  Naturkatastrophen  reagiert und sich in seinem künstlerischen Oevre durchaus auch eingemischt.

Auf dem  Titelbild des zur Ausstellung "Gottfried Legler: 90 Jahre – ein Künstlerleben" erschienenen Katalogs und des Flyers,  "Der grüne Warner", das der Kurator und Autor Hansjörg Noe ausgewählt hat, weist der Jubilar die Betrachter darauf hin, dass die Welt eben auf dieser Weise und nicht ausschließlich durch Untersuchen und Vermessen begriffen werden kann. Der ernste Mann auf dem Bild, dessen Kopf von der reduzierten Form her  an Horst Antes erinnert,   hält in der Hand ein Geodreieck. Die Messlatte links neben ihm wirkt beinahe wie eines der rot-weiß gestreiften Flatterbänder, mit denen ein Tatort abgesperrt wird.  Noch mehr Spannung erreicht Gottfried Legler mit Hilfe der Signalfarbe Rot, die sich von weither sichtbar von dem komplementären Grün abhebt. Sie  darf ruhig als Warnung an die Mitmenschen aufgefasst werden, auch wenn der Maler die Ursache dafür im Diffusen lässt. 

Werbung


Als aufmerksam-kritischer Geist zeigt sich Legler auch in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konventionen, etwa ihrem Umgang mit der Sexualität ("Die Botschaft"), mit überbordender Gewalt ("Skinheads"), oder der Dekadenz mancher Teile, die sich zu Tode amüsiert, während der andere Teil in bedrückenden Lebensverhältnissen feststeckt ("Verstiegen"). Im  Rücken von ausschweifend Feiernden herrschen auf "Prosit Neujahr" Tod und Zerstörung.  Dieses Gemälde bezieht sich zwar auf ein schweres Erdbeben in Managua im Jahr 1973, ist aber im Jahr der Katastrophe von Fukushima aktueller denn je. 

Strukturiert und subjektiv gestaltet hat Gottfried Legler seine sinnhaften Eindrücke sowohl auf den thematischen Bildern wie auch auf den Landschaften und Dorfporträts mit Hilfe einer eigenen Formsprache, die seine Bewunderung für Cezanne genauso widerspiegelt wie seine Beschäftigung mit den Expressionisten und Kubisten. Lichte Farben prägen die menschenleeren Ölgemälde der beiden Heimaten des Malers – das Markgräflerland ("Isteiner Klotz" oder "Villa Schöpflin") und das Tessin ("Tessiner Grottis im Kastanienwald")  –  und lassen sie wie Aquarelle wirken. Auch aus der frühen Phase, in der der jetzt 90-Jährige  altmeisterliche Techniken studierte, hängen im Museum am Burghof Beispiele, wie die  beeindruckende Öl-Tempera-Kopie  "Familie Holbein"  aus dem Jahr 1955. Die Sehnsucht Leglers nach Reisen in andere Kontinente hat er in Bildern wie "Djenne, Montagsmarkt in Mali" (2000) ausgedrückt. Hier ist der Maler wie  auf zahlreichen anderen Werken auch Zeitzeuge, der eine historische Situation zeigt, wie sie nie wieder zu sehen sein wird.

Gottfried Leger stammt aus dem Sudetenland und lebt seit 1951 in Steinen. Er lehrte  am dortigen Schulzentrum und an der Pädagogischen Hochschule Lörrach und war Vorstandsmitglied des Künstlerkreises Lörrach. 70 Werke aus allen Schaffensphasen sind im ersten Obergeschoss des Museums auf 400 Quadratmetern  zu sehen, darunter erstmals auch alle 27 repräsentativen Arbeiten, die das Museum als Schenkung erhalten hat und betreut.

– Bis 29. Januar; Führungen mit Kurator Hansjörg Noe am 21. Dezember und 4. Januar, jeweils 19 Uhr, am 15. Januar, 11 Uhr, und am 29. Januar, 15 Uhr

Autor: Barbara Ruda