Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
10. Januar 2012
Dickens-Ausstellung in Zürich: „Please, Sir, I want some more“
Eine Literaturausstellung im Zürcher Strauhof zum 200. Geburtstag von Charles Dickens.
In England ist er immer noch "der Unnachahmliche". Jedes lesende Kind, jedes bessere Wörterbuch kennt Begriffe wie "pecksniffian" (scheinheilig), Figuren wie Mr. Micawber, den jovialen Hallodri, die angesäuselte Hebamme Mrs. Gramp, den Hausdiener Sam Weller oder den Geizhals Scrooge. Bei uns ist Dickens, trotz Arno Schmidts Fürsprache, ein toter Hund, ein Fall für sentimentale Weihnachtsmärchen und literaturwissenschaftliche Studien. Dass er kaum noch gelesen wird, liegt auch an den veralteten Übersetzungen. Melanie Walz hat gerade gezeigt, wie man mit einer erfrischenden Neuübersetzung auch "Große Erwartungen" erfüllen kann.
In England wird Dickens’ zweihundertster Geburtstag am 7. Februar groß gefeiert, im deutschen Sprachraum nur mit einer kleinen Ausstellung im Zürcher Strauhof. Ihr Titel spielt auf den letzten, unvollendeten Dickens-Roman "The Mystery of Edwin Drood" an, der schon über zweihundert Fortsetzungen und – teilweise auf spiritistischem Wege erlangte – "Lösungen" hervorbrachte. Die Geheimnisse, die im Strauhof in biografisch-chronologischer Ordnung gelüftet werden, sind eher profan: Frühkindliche Kränkungen, enttäuschte Hoffnungen, Skandale und ein märchenhaftes Happy End.
Werbung
war Dickens
revolutionär.
Nicht immer war Dickens der Selfmade-Gentleman, der er sein wollte, schon gar nicht im Umgang mit Frauen. So rächte er sich etwa an seiner Jugendliebe, der Bankierstochter Maria Beadnell, für die Abfuhr, die er sich als junger Gerichtsschreiber geholt hatte, mit ungalanten Figuren wie der kalten Schönheit Estella oder der fülligen Schwatzbase Flora Finching. "Wir alle haben unsere Floras gehabt", vertraute er Freunden an, "die meine lebt noch und ist ungeheuer dick". Dickens warf seiner Frau Catherine ihre dauernden Schwangerschaften vor und gab ihr schließlich 1857 für die achtzehnjährige Schauspielerin Ellen Ternan den Laufpass. Immerhin ließ er sich von seinem gesellschaftlichen Aufstieg nie blenden oder gar den sozialkritischen Furor abkaufen: Seine Romane wurden im Gegenteil immer düsterer, bitterer und komplexer.
Weil das Londoner Dickens-Museum seine Reliquien derzeit schwer entbehren kann, fanden nur wenige Originale den Weg nach Zürich, etwa ein Reisesekretär aus Mahagoni oder der "Little Wooden Midshipman" aus "Dombey and Son". Die Ausstellung macht aus der Not eine Tugend und illustriert Dickens’ Leben und Romane vor allem mit Stichen und Filmsequenzen. Das entspricht dem Stellenwert der Bilder in Dickens’ Werk: Keiner konnte so plastisch skurrile Figuren und pittoreske Straßenszenen malen wie der Vollblutreporter mit dem fotografischen Gedächtnis.
London, der hassgeliebte, brutale Moloch, war die "Laterna magica" und das Brennglas seiner ausschweifenden Phantasie; als er 1846 fünf Monate in der Schweiz verbrachte, vermisste er am meisten seine täglichen Wanderungen durch die Stadt. Mit seinen detaillierten Anweisungen brachte Dickens seine Illustratoren zur Verzweiflung, aber dafür brannten sich seine Geschöpfe dann auch ins kollektive Bewusstsein ein. Noch Roman Polanski zeichnete 2005 bei seiner Verfilmung von "Oliver Twist" den jüdischen Hehler Fagin nach dem Vor-Bild George Cruikshanks.
Dickens war seiner Zeit voraus. Nicht unbedingt als Erzähler, obwohl Autoren wie Dostojewski, Chesterton und Kafka, selbst Moderne wie Eisenstein, Adorno und T. S. Eliot ihn als Bruder und "Generalsstabschef der Schriftstellerkunst" (Robert Walser) verehrten. Dickens war ein Kind des schrecklich gemütlichen viktorianischen Zeitalters; in den "Pickwick Papers", der Ursuppe, aus der alles hervorging, sind unter den schillernden Fettaugen des Realismus noch die alten Muster des Schelmenromans zu erkennen. Revolutionär war er vor allem als Selbstvermarkter. Dickens entwickelte den neuen Fortsetzungsroman zur Serienreife und kontrollierte als erster Superstar der Literatur die ganze Verwertungskette von der Publikation bis zur öffentlichen Selbstdarstellung und zum Merchandising-Katalog der Sammelbilder und Pickwick-Hüte. Der geschäftstüchtige Dickens, der schon als Kind seine Schülerzeitschrift gegen Murmeln verkauft hatte, konnte es sich erlauben, Verleger, Buchhändler und Kritiker zu verprellen: Er verfügte mit Zeitschriften wie "Household Words" und "All the Year Round" über eigene Vertriebskanäle. Wenn der Absatz einmal stockte, korrigierte und improvisierte er munter drauflos oder wandte sich direkt an sein treues Publikum.
Eben diese Macht wurde ihm am Ende zum Verhängnis. Als er 1858 seine Ehekrise publik machte, gingen selbst enge Freunde auf Distanz. Dickens schrieb sich zurück in die Herzen seiner Fans, aber es war ein teuer erkaufter Triumph. Als verhinderter Schauspieler und geborene Rampensau trug er auf endlosen Tourneen die spannendsten Szenen aus seinen Romanen so emotional vor, dass die Zuhörer reihenweise in Ohnmacht fielen und, wie das Protokoll seiner Pulsfrequenz und die Warnungen seines Arztes bezeugen, auch seine eigene Gesundheit schwer litt. Charles Dickens hatte Elend und Kinderarbeit, Klassendünkel und weiblichen Hochmut überlebt; sein manisches, maßloses Schreiben und Lesen brachten ihn schließlich um.
– Museum Strauhof, Zürich, Augustinergasse 9. Bis 4. März, Di – Fr 12 bis 18 Uhr, Sa und So 10 bis 18 Uhr.
Autor: Martin Halter
