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21. August 2010

Die kleinen Helfer des Alltags

"Heimliche Helden" – Eine Ausstellung im Vitra Design Museum.

Sie sind unscheinbar, alltäglich, nützlich – und (nahezu?) perfekt. Oder lässt sich der Teebeutel vervollkommnen? Das Streichholz? Die Wäscheklammer? Sie erleichtern den Alltag ungemein: Ohne sie wäre vieles schwierig, kompliziert und aufwendig. Um ein Bild an der Wand zu befestigen, musste früher ein großes Loch in dieselbe geklopft werden, das dann mit Mörtel und einem Stück Holz gefüllt wurde, ehe man daran eine Hängevorrichtung anbringen konnte. Seit es den Dübel gibt, geht das viel einfacher.
Sie – das sind die kleinen Helfer des Alltags, ohne die wir längst nicht mehr auskommen. Die wir tagtäglich benutzen und die unser Leben so selbstverständlich begleiten, dass wir sie schon nicht mehr wahrnehmen: Kaffeefilter und Büroklammer, Reißverschluss und Kleiderhaken, Papiertaschentuch, Korkenzieher, Konservendose und Co. 35 dieser "Heimlichen Helden" – so der Titel der Schau – versammelt jetzt das Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

Gezeigt werden die Alltagsklassiker nicht im postmodernen Gehry-Bau – dort läuft ja gerade die Ausstellung "Die Essenz der Dinge" –, sondern im unmittelbar benachbarten Buckminster Fuller Dome. Die Ausstellung ist das ideale Seitenstück zur Hauptschau, die die Tendenz modernen Designs zu Reduktion und funktionaler Versachlichung beleuchtet; die "Helden" ließen sich als Speerspitze dieser Strömung bezeichnen. Bieten Gebrauchsdinge wie Möbel und Lampen, auch wenn sie auf ihre Grundfunktion zurückgeführt werden, designerisch noch immer ein breites Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten, so sind Dübel und Klettverschluss, was die äußere Gestalt angeht, gleichsam gottgegeben. Musterbeispiele für die moderne Maxime "form follows function", gehen sie völlig in ihrer Funktion auf.

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Viele Objekte entstanden im vergangenen Jahrhundert. Oft bedurfte es einer jahre-, manchmal sogar jahrzehntelangen Produktentwicklung, ehe die endgültige, ergonomische sowie material- und kostensparende Version gefunden war. So arbeitete der Ingenieur Gideon Sundback Anfang des 20. Jahrhunderts sieben Jahre lang an der Perfektionierung des Prinzips des Reißverschlusses. Bisweilen verdanken die Erfindungen ihre Entstehung aber auch – wie im Fall von Tetra Pak und Post-it – einem Gedankenblitz; den Urtyp der Wäscheklammer erfand der Amerikaner David M. Smith 1953. Manchmal lag eine Erfindung in der Luft und erblickte an verschiedenen Stellen gleichzeitig das Licht der Welt. Klebeband und Pflaster etwa wurden fast zeitgleich in Deutschland und den USA erfunden.

Präsentiert werden die Helden des Alltags in multimedialen     Schaukästen – mit Produktbeispielen, Werbeplakaten und -filmen sowie Erläuterungen in Text und Bild, in denen nicht nur das Funktionsprinzip, die Entstehungsgeschichte und die Produktion erläutert, sondern kleine Geschichten rund um die Erfindung erzählt werden. Letztere stellen ein Objekt oft in größere Zusammenhänge, betten es in die (Kultur-, Sozial- oder Wirtschafts) Geschichte ein.

Die Konservendose beispielsweise, erfahren wir, verdankt ihren Ursprung einer Ausschreibung Napoleons, der für seine Feldzüge haltbare Lebensmittel benötigte: der Krieg als Vater aller Dinge. Der Aktenordner, dessen Hebelmechanik Louis Leitz 1896 erfand, antwortete auf den zunehmenden Schriftverkehr infolge von Industrialisierung und der Entwicklung von Schreib- und Rechenmaschinen. Manchmal ist es von Nutzen, die Klassiker zu kennen: Zu Ohropax, der ultimativen Antwort auf die dank Maschinen und motorbetriebener Verkehrsmittel von immer mehr Lärm erfüllte Welt, wurde der Berliner Apotheker Maximilian Negwer 1907 durch die homerische Sage von Odysseus und den Sirenen inspiriert. Das Sicherheitszündholz, das dank rotem anstelle des giftigen weißen Phospors erstmals Schutz vor Selbstzündung bot, erfand ein deutscher Chemiker ausgerechnet im Jahr 1848, als nicht nur in Deutschland an allen Ecken und Enden Barrikaden brannten – auf symbolischer Ebene eine eindeutig antirevolutionäre Schöpfung.
– Vitra Design Museum, Charles-Eames-Str. 1, Weil am Rhein. Bis 19. September, Montag bis Sonntag 10-18 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz


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