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17. November 2009

Die Posen verschwinden

Die italienische Doppelschau "Die Dame und ihr Schatten" in der Galerie Altes Rathaus in Inzlingen.

In prächtigen Kostümen aus der Barock- und Renaissancezeit erschienen Galeristin Evelyn Duerschlag und ihre Tochter bei der Vernissage in der Galerie Altes Rathaus in Inzlingen. Die Roben aus dem Theaterkostüm-Verleih passten stilistisch perfekt zu der Epoche der Malerei, auf die sich der italienische Maler Paolo Dolzan bezieht. Der Künstler aus Trient greift berühmte Motive Alter Meister auf und verfremdet sie in seinem eigenen Stil.

Wer die großformatigen, in den Farben oft düster-dramatischen Gemälde von Dolzan sieht, mag zunächst an Francis Bacon denken. In heftigen Pinselhieben und wuchtig-vehementem Gestus verzerrt und deformiert Dolzan die Figuren und Porträts aus der Kunstgeschichte, verwischt deren Gesichtszüge und Konturen bis zur Unkenntlichkeit und bis zur Groteske, dass man sich unwillkürlich an Bacons obsessive Bilder vom leidenden, gequälten Menschen erinnert fühlt. Auch Dolzans Arbeiten haben etwas Erschreckendes und Faszinierendes zugleich, erzählen von Zerstörung und Neuschöpfung. Mit verlaufenden Farbschlieren und einem fast brutal dynamisch aufgeladenen Malakt setzt sich Dolzan mit den Meisterwerken eines Rubens, Rembrandt, Caravaggio, van Dyck und anderen auseinander. Indes kopiert er deren berühmte Porträts und Figurenbilder nicht, auch wenn die Figuren noch in Teilen und Restzügen erkennbar bleiben, sondern interpretiert und verwandelt sie völlig neu mit den Stilmitteln der heutigen expressiv-abstrahierten Malerei. Die Gesichter sind nur noch gespenstisch verwischte, unförmig verdrehte und deformierte Masse, die Umrisse der Contessa, des Comte oder des Cavaliere, das überdimensionale Selbstporträt nach Rembrandt, das "Kind" von Rubens, das Motiv des "Ungläubigen Thomas", die Madonna mit Kind, die üppige Pracht und Pose der elegant herausgeputzten Modelle aus früheren Jahrhunderten verschwinden fast unter der gewaltigen Wucht und Vehemenz der Pinselstriche.

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Inspiriert von Philosophie und Literatur

Auch nicht einfach zu entschlüsseln sind die Arbeiten des zweiten Ausstellers Piermario Dorigatti. Eines seiner Bilder gab dieser Doppelschau der beiden italienischen Maler den Titel: "Die Dame und ihr Schatten". Schatten sind das große Thema des in Mailand lebenden Malers, der auch inspiriert scheint von Philosophie und Literatur. Etwa von den fantastischen Erzählungen eines E.T.A. Hoffmann, in denen es auch um das Motiv des verlorenen Schattens geht. Das Leben ist für Dorigatti wie eine Bühne, wie ein Theater, und die Menschen darin oft weit weg von der Natur, von Licht und Sonne. So lassen sich die roten Scheiben, auf denen sich seine Figuren bewegen, auch als eine solche Lebensbühne deuten, als begrenzter Raum, auf dem sich das Leben abspielt. Auf den ersten Blick ist Dorigatti der Farbigere der beiden Maler dieser Doppelschau, denn viele seiner Arbeiten in Tempera auf Holz sind in kräftigen, intensiven Farbtönen gehalten, Gelb, Grün und Blau. Doch in jedem taucht der schwarze Schatten auf, eine bedrohlich wirkende schwarze Form, gleich einer unförmigen Gestalt. Das Phänomen des Schattens beschäftigt Dorigatti, er stellt sich in seinen Bildvisionen Menschen ohne Schatten vor, Menschen mit verlorenen Schatten. "Kein Schatten will dich", heißt ein Bild vieldeutig. Dorigattis Figuren erscheinen nur in angedeuteter, abstrahierter Form im Bildraum, aufgelöst und losgelöst von den Fesseln des Realen, manchmal schwer zu greifen, an der Grenze des Wahrnehmbaren und Erkennbaren. So stellen sich also zwei italienische Maler im Alten Rathaus vor, die sich seit vielen Jahren kennen und auf sehr individuelle Weise die heutige figurative Malerei vertreten.
– Bis 12. Dezember, Donnerstag bis Samstag 17-20 Uhr, Sonntag 14-20 Uhr.

Autor: ros