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04. Februar 2012
Halme, Mäuse und Menschen
Die Freiburger Schneider-Förderpreisträgerinnen 2010 Beatrice Adler und Stefanie Gerhardt im L6.
Zwei Malerinnen, zwei Themen. "Von Gräsern und Menschen" heißt die aktuelle Ausstellung im Freiburger Kunsthaus L6. Liest man die Namen der beiden Künstlerinnen und kennt bereits Arbeiten von ihnen, ist man über die Paarung überrascht. Die erklärt sich freilich nicht aus einer erkennbaren Affinität, sondern dem Zufall eines "Award-Splittings". Vor zwei Jahren erhielten Beatrice Adler und Stefanie Gerhardt den Förderpreis zum Reinhold-Schneider-Preis der Stadt Freiburg. Ihre Ausstellung im L6 tritt dem fulminanten Auftritt des Trägers des Hauptpreises, Thomas Kitzinger, im Museum für neue Kunst zur Seite.
Es fehlt ja nicht an Gemeinsamkeiten: Beatrice Adler wie Stefanie Gerhardt studierten Malerei an der Freiburger Außenstelle der Kunstakademie Karlsruhe und waren Meisterschülerinnen von Leni Hoffmann, setzten sich mithin mit Hoffmanns erweitertem Malereibegriff auseinander. Dennoch überwiegen die Unterschiede, um nicht zu sagen: Gegensätze. In gewisser Weise misst die Ausstellung das Feld der verschiedenen Möglichkeiten, den Spielraum von Malerei heute aus – ohne dass der Gesamteindruck der einer beziehungslosen Diversität wäre .
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Arbeiten aus zwei Werkkomplexen bietet Beatrice Adler. Malereien wechselnden Formats zeigen dünne, annähernd monochrome horizontale Farbbänder, die in gleichförmigem All-over die Bildfläche überziehen. Zu ihnen gesellen sich kleinere quadratische Arbeiten mit auf weißem Grund gereihten Gräsern und Blumen. Man muss wissen, dass Adler die abstrakten Bilder in vertikaler Richtung malt, aber um neunzig Grad gedreht präsentiert. Schon einige frühere Arbeiten dieser Art, die sie seinerzeit noch nicht abschließend drehte, evozieren in dicht aneinander gesetzten vertikalen Farblinien Grashalme. Die später entstandenen Pflanzenbilder sind aus den Abstraktionen also in gewisser Weise organisch erwachsen. Dass die beiden Werkkomplexe im L6 nicht getrennt voneinander, sondern vermischt gehängt sind, bezeugt ihre innere Verwandtschaft.
Sowohl die Abstraktionen als auch die Pflanzenbilder haben eine kontemplative Note. Ruhe ist die vorherrschende Bildstimmung, Hauptakteur hier wie da die still sich ergehende Linie, die in der Gleichförmigkeit so etwas wie organisches Wachstum, den unmerklichen Fluss der Zeit evoziert – oder Stillstand. Dagegen ist Bewegung ein wichtiges Element bei Stefanie Gerhardt. Im Sinne eines erweiterten Malereibegriffs lassen sich ihre Videoarbeiten als bewegte Bilder interpretieren. "Malmäuse" etwa zeigt auf einem Monitorbild in zwanzig Filmspuren im farbig bemalten Rad laufende Mäuse. Für die im Kunsthaus ausgestellte Videoprojektion "Inside" lud Gerhardt 15 Personen aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis in eine von ihr gebaute leere Box. 45 Minuten lang war es ihnen freigestellt zu tun, was ihnen beliebte.
Die in drei Ebenen aneinander gereihten Filmspuren addieren sich zu einer unaufhörlich wechselnden Kombinatorik von Bewegungsabläufen, kontrapunktiert von Phasen der Reglosigkeit. Einige Akteure machen gymnastische Übungen oder meditieren; andere erkunden den engen Raum – oder den eigenen Körper. Drei großformatige, in der Exzentrik der Körperhaltung wie im Malduktus an Egon Schiele gemahnende Malereien übersetzen Filmstills aus dem Video in ausdrucksvolle Einzelstudien auf weißem Grund. In der Herauslösung des Bildsujets aus jeglichem Kontext ergibt sich eine überraschende Nähe zu Beatrice Adlers Gräserbildern. Und wie das Video an eine wissenschaftliche Versuchsanordnung gemahnt, schaffen auch die Gräserbilder eine künstlich geschaffene Situation: Jedem Realismus zuwider führen sie zu verschiedenen Jahreszeiten blühende Spezies zusammen. Es ist dieses konstruktive, die Realsituation negierende Element, das die Bilder übers Geschmäcklerische reiner "Schönmalerei" hinaus hebt.
– Kunsthaus L6, Lameystraße 6, Freiburg. Bis 18. März, Donnerstag, Freitag 16–19 Uhr, Samstag, Sonntag 11–17 Uhr.
Autor: Hans-Dieter Fronz
