Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

04. Juli 2011

Nackter Mann auf einer Welle

"Wasser. Fantasie und Wirklichkeit": Eine Ausstellung in der Kunsthalle Messmer in Riegel.

Wasser gab es hier, in der Oberrheinebene zwischen Emmendingen und Riegel, wo Dreisam, Elz und Glotter zusammenfließen, schon immer reichlich; noch bis Ende des 19. Jahrhunderts bisweilen zu reichlich. Überschwemmungen waren, ehe der Leopoldskanal die zerstörerischen Fluten in den Rhein abführte, keine Seltenheit; manchmal hieß es zwei oder drei Mal im Jahr "Land unter!". Der Name der Ortschaft Wasser bei Emmendingen leitet sich davon her.

Die wasserreiche Vergangenheit der Gegend liefert der Ausstellung "Wasser. Fantasie und Wirklichkeit" in der Messmer Kunsthalle in Riegel die historische Legitimation – die ästhetische und den Nachweis der Relevanz des Themas muss die Kunsthalle selber beisteuern, und das gelingt leider nur in Teilen. Man muss als Besucher in Riegel ja nicht gleich den Seerosenteich von Giverny oder Seine-Bilder von Georges Seurat erwarten: Die Gegenwartskunst, auf die sich die Kunsthalle beschränkt, ist auch interessant, eine deutschlandweite und auf Frankreich und die Schweiz ausgedehnte Ausschreibung trug mehr als 500 Einreichungen ein. Aber eine etwas strengere Auswahl hätte der Schau nicht geschadet. Viele der ausgestellten Künstler leben in der näheren Umgebung, etwa in Freiburg, doch bis auf wenige Ausnahmen vermisst man gerade die einschlägigen Namen. Die gestandenen Künstler, so scheint es, hat das Thema nicht sonderlich interessiert. Die Wendung "unbekannten Künstlern eine Chance geben" klingt nach Verlegenheit.

Werbung


Zwei Hände legen sich um einen Tropfen

Erstaunlich gering ist zudem die Resonanz, die die zeitgenössische Problematik in der Schau findet. Wasser ist heute ein Thema von gesellschaftlicher und globaler Bedeutung; die düstere Aussicht, dass das lebensnotwendige Nass in Zukunft knapp und Kriege um es geführt werden könnten, ist nicht unrealistisch. Die Verunreinigung der Gewässer, das Schmelzen von Gletschern und Polkappen, Überschwemmungen und Tsunamis, andererseits Dürren und sich ausbreitende Wüsten in manchen Weltgegenden: fast vollkommen Fehlanzeige in Riegel. Eine der wenigen Ausnahmen ist Andrea Berthels zu plakativ illustrierende Mischtechnik "Fragments of Hope" mit melancholisch blickendem kleinen Schwarzafrikaner. Stattdessen viel selbstgenügsamer Ästhetizismus wie in Johannes Ludwigs Computergrafik "Wasserlandschaft" und Bernhard Malins "Wellengang" mit Farben aus granulierten Edelsteinen und Naturmaterialien. Manche Arbeiten – etwa Robert Pfanns Pastellzeichnung "Ur-Sprung" mit einem rücklings auf einer Welle gleitenden nackten Mann oder Helga Benders Glaszeichnung, in der zwei Hände sich schützend um einen überdimensionierten Wassertropfen legen, streifen das Esoterische. Gabriele Dräger klebt, um jedes Missverständnis auszuschließen, ihrem Acrylbild "Wasser heilt", auf dem riesige Wassertropfen die Fläche überziehen, ein handelsübliches Pflaster auf.

Andererseits: "Surge up" von Jochen Schambeck erinnert nicht nur motivisch an einen Wasserfall; konkretistisch-pastos überflutet in dem Bild die Ölfarbe eine Holztafel bis über die Ränder hinaus. In Jutta Sieberts ironischen "Wasserstraßen" in Acryl ragt nur eine Verkehrsampel einsam aus den Fluten. Und geben Elisabeth Bereznickis "Seeblicke" in Öl gereihte Bodensee-Impressionen im immer gleichen schmalen Hochformat als wechselnde Farbspiele, oszilliert Peter Somms Acrylmalerei "Am Meer" zwischen maritimem Sonnenuntergang und der abstrakt-konkreten Reihung horizontaler Farbstreifen. Schwarzweiß ist Telemach Wiesingers fotografischer Meerausschnitt mit Wellengang ("Tide II").

Gänzlich aufs Feld der konkreten Kunst führen Klemens Etz’ weiße, in seegrüne Fläche tauchende "Sinkende Quadrate" und Éva Jászberényi-Szendöfis Papier-Relief "Welle"; auch Wout Wolters auf ein Bibelzitat sich beziehendes Aquarell "Himmelsgewölbe zwischen den Wassern". Andreas Lous "Wasserzeichen" in Eitempera überziehen als kleinteilige Wasserspiegelungen in Allover-Manier die Fläche.

Ins Abstrakte spielende Wasserspiegelungen sind auch das Motiv von Stefan Fischers schöner Fotografie, wohingegen Ono Ludwigs fotografisch festgehaltene "Wassergeister" sich unzweifelhaft gegenständlich identifizieren lassen: Goldfische sind’s, die sich in einem Teich mit Seerosen – eine steht in schöner Blüte – tummeln. So kann die Ausstellung zuletzt wenigstens einen Ersatz-Monet vorweisen.
– Kunsthalle Messmer, Großherzog-Leopold-Platz 1, Riegel. Bis 23. Oktober, Dienstag bis Sonntag 11–17 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz