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20. August 2012

Selbstzerstörerische Kunst

Eine Freiburger Ausstellung dokumentiert die radikalen Positionen Gustav Metzgers.

Natürlich hätte Gustav Metzger ahnen können, dass dieses Projekt scheitern würde. Ein Kunststreik: Wer würde da schon mitmachen? Aber Metzger ließ sich nicht beirren. Für drei Jahre, forderte er 1974 in seinem Manifest "Years without Art", sollten alle Künstler ihre Arbeit niederlegen. Eine bizarre Idee, aber durchaus konsequent: Seit Jahren schon hatte er gegen eine politische Kunst polemisiert, die sich zwar lautstark zur Kritik an den herrschenden Verhältnissen aufschwang, aber blind war für ihre eigenen Verstrickungen in den Kunstbetrieb. Für Metzger stand deshalb fest: Politische Kunst konnte nichts anderes sein als Kunstverweigerung. Ihr Ziel: die Zerschlagung des "Galeristen-Museen-Medien-Komplexes", um Platz zu schaffen für neue, demokratischere, durchlässigere Strukturen im Kunstbetrieb. Für Künstler, die nicht von der Kunst lassen konnten, empfahl er die Einrichtung von Lagern, in denen ihre neuesten Arbeiten regelmäßig zerstört werden würden.

Die Empörung über diese Polemik ließ nicht lange auf sich warten. Nur die wenigsten wussten allerdings, wer da sprach: Gustav Metzger, 1926 in Nürnberg geboren, war Sohn jüdisch orthodoxer Eltern, die von den Nazis ermordet worden waren. Er selbst entkam dem Holocaust nur knapp durch einen Flüchtlingskindertransport nach London. Später, in den Fünfzigern, begann er sich für Umweltschutz und gegen das atomare Wettrüsten zu engagieren und entwickelte sein Konzept der Autodestruktiven Kunst, die im kalkulierten Zerfall der Werke das zerstörerische Potenzial des 20. Jahrhunderts sichtbar machen sollte. Als er 1966 das Symposium "Destruction in Art" organisierte, beteiligten sich von Günter Brus bis Yoko Ono noch Dutzende von Künstlerkollegen. Den Kunststreik, gut ein Jahrzehnt später, absolvierte er dann im Alleingang. Gescheitert war die Idee damit aber nicht. Im Gegenteil. Tatsächlich löste die Aktion des heute 86-Jährigen eine intensive Debatte über die Möglichkeiten politischer Kunst aus, die immer noch nachwirkt.

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Spannender Katalog

Zahlreiche Dokumente zu Metzgers Kunstverweigerung versammelt jetzt der spannende, von Samuel Dangel und Sören Schmeling im Freiburger Modo Verlag herausgegebene Katalog "Years without Art", den die beiden Kunsthistoriker anlässlich der von ihnen kuratierten Ausstellung "Passiv – explosiv, revisited" im Freiburger Kulturwerk T66 präsentierten. Die kleine Schau, die Metzgers ersten Auftritt in einem Kunstraum nach Beendigung seines Streiks dokumentiert, bildet eine Art Prolog zu einer umfangreicheren Ausstellung über die weit verzweigte Bibliothek des Autodestruktionskünstlers, die das Kuratoren-Duo im Frühjahr 2013 im Freiburger Morat-Institut zeigen wird.

"Passiv – explosiv", 1981 von Gustav Metzger, Cordula Frowein und Klaus Staeck im BBK Köln organisiert, war als Gegenveranstaltung zu der Blockbuster-Schau "Westkunst" konzipiert, die das Avantgarde-Potenzial der "Zeitgenössischen Kunst von 1939 bis heute" ausloten wollte, aber die Kunstproduktion der Siebziger – die kritische, feministische, politische zumal – ausblendete.

Metzger & Co hielten mit ihrer Schau dagegen und präsentierten statt Kunstwerken eine überbordende Sammlung kopierter Manifeste, Flugblätter und Plakate von Künstler- und Kuratorenkollektiven, die vom freundlichen Appell der Basler Kunsthalle "für Veränderung jeglicher Art" (1969) bis zu Dieter Hackers Schlachtruf "Tötet Euren Galeristen, Kollegen!" (1981) ein breites Spektrum widerständiger Positionen abdeckte.

Dangel und Schmeling haben diesen historischen "Versuch einer Ausstellung" nun im zweiten Stockwerk des T66 reinszeniert. Für die Raumillusion sorgen hier zwei wandfüllende Schwarz-Weiß-Plots von Ausstellungsansichten aus der Originalschau, eine dritte Wand ist über und über mit Kopien übersät, die damals in gleicher Anordnung in Köln hingen. Auch wenn die Erregungsrhetorik und die krude Anti-Ästhetik dieser Blätter heute gerne mal unfreiwillig naiv wirken: Die Sehnsucht nach einer Aufhebung der Trennung zwischen Kunst und Politik, die "Passiv – explosiv, revisited" thematisiert, ist nach wie vor aktuell. Einen schönen Beleg dafür liefern nicht zuletzt die jüngsten Auftritte der Occupy-Bewegung auf Groß-Events wie der Documenta oder der Berlin Biennale.

Eine schwankende Brücke zur Debattenkultur

Weniger plausibel erscheint der zweite Teil der Ausstellung, der mit einer Audio-Dokumentation der "Freiburger Kulturgespräche" eine schwankende Brücke von Metzgers radikaldemokratischer Kunstpraxis zur rauschenden Debattenkultur der Bazon Brocks und Peter Sloterdijks schlägt, die Anfang der Neunziger das "Ende der großen Theorien" diskutierten. Was diese Denkräume tatsächlich miteinander verbindet, wird wohl erst im Frühjahr der Blick in Metzgers Bibliothek zeigen, die seit 1989 im Keller des Morat-Instituts lagert. Ein guter Grund, sich mit dem schön gestalteten Katalog darauf einzustimmen.
– T66, Talstr. 66, Do, Fr, So 14-18 Uhr. Bis 2. September.
– Gustav Metzger: Years without Art, Modo Verlag, Freiburg 2012, 160 Seiten, 22 Euro.

Autor: Dietrich Roeschmann