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07. Januar 2012

Überraschende Entdeckungen

KUNSTRUNDGANG: Josef Felix Müller und Udo Koch bei Stampa, Markus Gadient bei Wüthrich.

Von Bildern, "deren Vehemenz den alltäglich angeschlagenen Atem stocken lässt" hat Bernhard Mendes Bürgi einst gesprochen und Arbeiten des Sankt Galler Künstlers Josef Felix Müller gemeint. Das liegt zwanzig Jahre zurück, Bürgi war noch nicht Direktor des Basler Kunstmuseums und Werke des von ihm Geschätzten wurden mitunter noch aus Ausstellungen als blasphemisch oder gegen die guten Sitten verstoßend entfernt und beschlagnahmt. Die Werkphase von Müllers einst als heftig empfundenen Zeichnungen, Holzschnitten und seinen grob behauenen und motorbesägten Skulpturen ist zwar vorbei. Den Atem stocken lassen die Bilder, die in der Galerie Stampa in Basel zu sehen sind, indes noch immer.

Den Menschen als Sujet hat die Natur abgelöst und dem einst grobschlächtig Düsteren folgen, wie es scheint, ohne einen Blick zurück, jetzt flirrende Farben und gleißendes Licht. In großformatig berauschenden Bergpanoramen hatte Müller um den Jahrtausendwechsel noch vogelperspektivisch Ferdinand Hodlers leuchtend expressive Landschaften weiter gedacht. Vom uferlosen Weitblick über schneegleißende Gipfelgebirge stellt der 1955 geborene gelernte Stickereientwerfer wenig später auf Nahaufnahme um und steigert den scheinbar unbedeutenden Bildausschnitt ins Monumentale. Bei Stampa hängt jetzt seine jüngste Serie "Spiegelungen", die Wasser als Bildvermittler nutzt, um Landschaft verschwommen auf dem Kopf stehend wiederzugeben oder die Leinwand mit Schlieren zu überziehen. Beides kann atemberaubend schön und meditativ sein.

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Zu den Gepflogenheiten in der seit 1969 am Basler Spalenberg bestehenden Galerie Stampa gehört es indes, Künstler nicht der Einzelrezeption preiszugeben, sondern sie in nebeneinanderliegenden Einzelausstellungen in Dialog treten zu lassen. Josef Felix Müller ist der 1958 in Offenbach geborene Udo Koch gegenübergestellt. Der Kontrast könnte heftiger kaum sein. Kochs extrem reduzierte Formensprache spürt dem Zwischenraum nach und begrenzt das Nichtgesagte, Nichtgesehene. Er lässt filigrane Blütengebilde aus teils lackiertem, teils naturbelassenem Sperrholz an zierlichen Zweigen schweben, deren Form sich aus Zwischenräumen entwickelt hat, die ihrerseits wieder neue Ränder und Hohlstellen entstehen lassen.

Aus den gespreizten Fingern einer Hand setzt Koch etwa ein ganzes System aus organischen Formen und Flächen zusammen, das eine neue Figur erschafft. Nicht ein Ding an sich wird dargestellt, nicht die Hand oder die vermeintliche Blüte im Zentrum. Aus Umrissen und Konturen erwachsen stattdessen Negativformen. Die Rolle der Wasseroberfläche, die bei Josef Felix Müller dem Betrachter die sie umgebende Natur wiedergibt, die eigene Unterwasserwelt aber spiegelnd verbirgt, übernimmt bei Udo Koch das immer neue Dazwischen. Unvermittelt kann es sich auch zwischen zwei Werken auftun, wie etwa einem halb gekippten Serienstuhl, der sich auf eine der schon bekannten Blütenformen stützt und einer einmal mehr farb- und formreduzierten Gouache an der gegenüberliegenden Wand.

Vermittelt gegenständlicher wird es wieder bei dem Basler Markus Gadient, der in der Galerie Tony Wüthrich noch bis Ende Januar zu sehen ist. Wo Stampa auf einzelne Werkausschnitte reduziert, erlaubt die Ausstellung in der Vogesenstraße Einblick in drei Werkzyklen, die verschiedene Umgebungen wählen, dabei aber alle auf demselben Grundprinzip basieren. Gadient malt Landschaftsausschnitte mit Bäumen und Baumgruppen und verfremdet sie nach Fertigstellung von zarten Farbgesten bis hin zur fast vollständigen schwarzen Abdeckung. Gerade dann, wenn die Natur aber nur noch in spärlichen Bildstreifen erkennbar wird, leuchtet sie umso eindringlicher hervor und lässt an Christos Philosophie der Offenbarung durch Verbergen denken.

Beispiele aus drei Landschaftsserien vereint die aktuelle Ausstellung. Der "Zyklus Wildenstein" widmet sich den vor mehr als 500 Jahren zum Gedenken an die in der Schlacht bei Sankt Jakob gefallenen Basler Soldaten gepflanzten Eichen im titelgebenden Wald im Kanton Baselland. Die Bäume sind sich hier selbst überlassen, verdorrt und zum Teil fast vollständig überwuchert. Den Künstler zieht es seit den 1990er Jahren immer wieder zum Wildenstein. Von einem Reisestipendium, das ihn 2011 in die Wälder der amerikanischen Westküste geführt hat, zeugen Arbeiten, in denen kupferfarbene Riesenmammutbäume in den Himmel wachsen. Der letzte der drei Zyklen überrascht mit dem tiefsten Waldesdunkel, das das Licht umso leuchtender durchbricht. Die "Serendipity"-Bilder beruhen auf einer Erforschung der von Peter Joseph Lenné im 19. Jahrhundert ausdrücklich zum arkadischen Idyll gestalteten Berliner Pfaueninsel. Gadients Namengebung rührt her vom Serendipitäts-Prinzip oder dem glücklichen Zufall, der vorliegt, wenn sich etwas nicht ausdrücklich Gesuchtes als positiv überraschende Entdeckung erweist.
– Galerie Stampa, Spalenberg 2, Basel, "Josef Felix Müller" und "Udo Koch", Di-Fr 11-18.30 Uhr, Sa 10-17 Uhr; Galerie Tony Wüthrich, Vogesenstraße 29, Basel, "Markus Gadient", Mi-Fr 14-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr. Alle drei Ausstellungen laufen bis Samstag, 28. Januar.

Autor: ama