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20. September 2014

Kunsthaus Baselland

Arbeiten von Erik Steinbrecher und Toon Verhoef: Unbekanntes im Bekannten

Das Kunsthaus Baselland zeigt Arbeiten von Erik Steinbrecher und Toon Verhoef.

Achtung: alles, was in diesem Raum akustisch passiert, wird aufgezeichnet. Entwarnung: Das Band läuft in einer Endlosschleife und überschreibt sich permanent selbst. Ein einzelner Ton der wie eben erst abgestellten "Black Star"-Gitarre hängt daneben noch in der Luft. Diesmal allerdings als elektroakustische Rückkopplung und seinerseits ohne absehbares Ende. Ausschließlich als Loop ist in diesem Ensemble denn auch die Sparte Video vorstellbar. Allerdings bleibt der laufende Monitor schwarz, ein gelooptes Nichts? Nein, erklärt Erik Steinbrecher, das Innenleben seines Handys. Dem Mann muss man folgen wollen.

Seine Fährte hat der 1963 in Basel geborene Konzeptkünstler und Architekt, der schon an der Kassler Documenta (X/1997) zu sehen war und im New Yorker MoMA PS1 (2001) – in Basel wird er seit Jahren von der Galerie Stampa vertreten – derzeit im Untergeschoss des Kunsthauses Baselland ausgelegt. Versteckt sich in der Eingangssituation noch die zur Aussichtslosigkeit verdammte Suche nach dem schwarzen Loch und seiner Darstellbarkeit, dann leiten der einzelne mit Wetterschutzfarbe zur Hälfte gefüllte Gummistiefel und die offene Farbdose daneben schon in den zweiten Raum über, in dem es um Fragen der Zuordnung geht. Ein Gummistiefel ist ein Gummistiefel ist ein ... Oder ist er vorab ein wetterfestes Behältnis für Füße? Es gehe ihm auch darum, "den Gegenständen die Chance zu geben, etwas anderes zu sein, als sie vermeintlich sind", so Steinbrecher.

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Auf Schwarz folgt mit Weiß im zweiten Raum nicht zufällig die Farbe einer Projektionsfläche. Auch fehlt dem Ausstellungstitel kein Buchstabe. "Halo Erik" nimmt Bezug auf den in der Sozialpsychologie beschriebenen Halo-Effekt, nach dem Menschen aus den bekannten Eigenschaften einer Person oder eines Gegenstands automatisch auf weitere unbekannte schließen. Mit Lust durchbricht Steinbrecher jede vorrangige Zuordnung, schichtet weiße Teppiche und eine Badezimmermatte übereinander und assoziiert Bett mit den an den Wänden aufgereihten und mit Perlmuttlack besprühten Blechen. Dieses armlose Schaufensterkind, das in viel zu großen Turnschuhen steckt und sein Gesicht unter einer umgekehrten Fasnachtsmaske verbirgt, löst im Betrachter Schauder aus. Keine Angst aber etwas, auf das das Wort Beunruhung passt. Die Wahrnehmung bleibt unvollständig, lässt ausfüllbaren Raum.

Das lässt sich bei Toon Verhoef im tageslichthellen Erdgeschoss dann doch gelassener verarbeiten. Noch bis in diesem Jahr Professor an der staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, hat sich der 1946 im niederländischen Voorburg geborene Künstler der großflächigen Malerei verschrieben, die Raum und Betrachter gleichsam ausfüllt und aufsaugt. Jedes seiner abstrakten Bilder erzähle seine Geschichte, erklärt Verhoef, die sich vom Künstler zum Rezipienten hin indes vollständig verändern könne. Zu den in Höhe und Breite mehrere Meter messenden und entsprechend unhandlichen Formaten hat er nach einer zehnjährigen Pause wieder zurückgefunden. Vom Medium Film und seinen bewegten Bildern fasziniert, nutzt er die Leinwand naheliegenderweise seinerseits als Projektionsfläche.

In Schichten übereinander gelegt und zum Teil wieder herausgelöst, halten Material und seit Jahrhunderten verwandte Techniken Inhalte fest, die reales Schlachtengetümmel ebenso sein können, wie Szenen oder Einstellungen aus einem Hitchcock-Film. Ein Unterschied zwischen abstrakter und figurativer Malerei existiere deshalb für ihn nicht, bestimmt Verhoef, das gelte in der Malerei wie in der Musik und anderen Kunstformen. Auch hinter jeder seiner über die in Muttenz ausgestellten Leinwände schwebenden Formen verberge sich eine reale Figur, Idee oder Begegnung. "Das sind Fundstücke", so Verhoef, "die ihre Zuordnung verloren haben." Da kommen sich die beiden eigenständig nebeneinander laufenden Ausstellungen doch für einmal knisternd nahe.
– "Halo Erik", bis So, 16. November, Kunsthaus Baselland, Muttenz, St.-Jacob-Str. 170, Di/Do-So 11-17, Mi 14-20 Uhr

Autor: Annette Mahro