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12. Dezember 2011
Verborgene Schätze
Das Kunstmuseum Basel vereint in einem großformatigen Bilder- und Lesebuch 160 Meisterwerke aus seiner Sammlung.
"Das Kunstmuseum Basel wird sich, gestützt auf seine lange Tradition, als Institution in der Zukunft immer wieder neu erfinden", schreibt Museumsdirektor Bernhard Mendes Bürgi im Vorwort des unlängst erschienenen großformatigen Bildbandes "Die Meisterwerke". Dass das KuMu unglaubliche Schätze birgt – mehr als 5000 Bilder, Skulpturen und Installationen, dazu über 300 000 Zeichnungen und Druckgrafik im Kupferstichkabinett- das ist allgemein bekannt, doch da immer nur ein Bruchteil davon, rund fünf Prozent, gezeigt werden kann, besteht ein permanenter Handlungsbedarf, dieses Missverhältnis zugunsten des Museums zu verändern. Zwar scheint die Museumswelt auf den ersten Blick ungefährdet zu sein: 80 000 Eintritte in die Sammlungen, 100 000 in die Sonderausstellungen im vergangenen Jahr, doch die Zahlen täuschen eine Sicherheit vor, die nicht mehr gegeben ist. Das KuMu steht in Konkurrenz mit anderen Basler Museen, die neben ihren Sammlungen mit attraktiven Sonderausstellungen um Besucher werben. Sonderausstellungen wurden im vergangenen Jahrzehnt immer stärker zu Publikumsmagneten, wovon das KuMu 2009 erstmals richtig profitierte, als die van Gogh-Ausstellung 665 000 Besucher in seine Säle schleuste. Sonderausstellungen neben den Sammlungen: Das wird für das KuMu auch ein zu lösender Konflikt bleiben, wenn 2016 der Neubau bezogen werden kann und es endlich, wie Mendes Bürgi sagt, in der Liga des "MoMA", der "Tate" und der "Reina Sofia" mitspielen kann.
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Die Jahre bis dahin gilt es zu überbrücken, und aus diesem Grunde erschien nun der Bildband, der unter der Teamleitung von Kuratorin Nina Zimmer 160 Meisterwerke aus den Beständen des Museums versammelt. 37 Autorinnen und Autoren beschreiben je ein Werk, beginnend mit "Schmerzensmann und Mutter Gottes mit Kind" eines Wiener Meisters um 1440 und endend mit Gabriel Orozcos "Working Table" von 1991-2006. Rechtsseitig die Abbildungen, für deren Qualität der Hatje Cantz Verlag garantiert, linksseitig die Texte, deren gut zu lesende inhaltliche Präzision den Band zu einer einzigartigen Kunstgeschichte machen. Und da jedes Bild samt Text in einem ausführlichen Apparat, was Verweise und Literatur angeht, auf den aktuellen wissenschaftlichen Stand gebracht ist, ist das Bilder- und Lesebuch zugleich ein informatives Lehrbuch. Was will man mehr?
Bleibt die Frage: Was ist ein Meisterwerk? Der Begriff, sagt der Basler Kunsthistoriker Gottfried Boehm, ist in dieser Verbindung zweier Nomen eine Wortschöpfung des frühen 19. Jahrhunderts, wie auch der Begriff "Kunst" als Singular eine ist. Bis ins ausgehende 18. Jahrhundert sprach man von den "Künsten" und zählte dazu fast alle handwerklichen Tätigkeiten, zum Beispiel auch die Perückenmacher, die wiederum ihre Meister hatten. Die Vorform des Meisterwerks ist das Werk des Meisters. Was in ihm an qualitativer Besonderheit angelegt ist, wird, vor allem in der Romantik, aus seiner handwerklichen Rückbindung gelöst und damit entmaterialisiert. Ob in der Malerei, der Skulptur, der Musik oder abgeschwächt auch in der Literatur, erscheint das Meisterwerk nun als geistige und individuelle Schöpfung, deren Substanz eine ideelle ist. So gelangt es in der Ausbildung der romantischen Kunstanschauungen in den Rang einer spirituellen Überhöhung und wird zum Dokument eines zeitenthobenen Unikates. Und so "lesen" wir die Meisterwerke noch heute. Erst in neuster Zeit wird in der bildenden Kunst –was bereits das "Bauhaus" praktizierte- wieder das Handwerkliche betont, und damit das Meisterwerk aus dem Kunsthimmel auf die Erde zurückgeholt.
– Kunstmuseum Basel. "Die Meisterwerke". Hatje Cantz Verlag Ostfildern, 2011, 404 Seiten, Großformat, 172 farbige Abbildungen, 68 Euro.
Autor: cyb
