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24. August 2010

Vorbeirauschende Impressionen

Die Ausstellung "Æuroasia" im Kunst Raum Riehen zeigt einen Roadmovie von einer Fahrt um die halbe Welt.

Es war eine abenteuerliche Reise, zu der Tobias Madison mit drei Künstlerfreunden im Sommer 2009 aufbrach: mit dem Jeep von Basel nach Hongkong. Dreieinhalb Monate lang unterwegs, um einen Film über diese Reise zu drehen. Im Blick vor allem Landschaft und Architektur. Die Route führte entlang früherer kommunistischer Monumente und Bauten ehemaliger sozialistischer Staaten, aber auch futuristisch anmutender Retortenstädte, die regelrecht aus dem Boden gestampft wurden.

Während dieser Tour entstanden Fotostrecken und ein Filmprojekt, die nun in der Ausstellung "Æuroasia" im Kunst Raum Riehen zu sehen sind. Der 25-jährige Riehener Künstler Tobias Madison, der in Zürich studiert, hat zusammen mit dem Fotografen Jan Vorisek diese Schau kuratiert und präsentiert das Filmprojekt in effektvollen Rauminstallationen: Als wandgroße Projektionen laufen die Filmsequenzen wie ein Roadmovie.

Vier junge Männer on the Road, im voll beladenen Geländewagen, der über staubige, steinige, abgelegene Pisten in Zentralasien fährt, auf usbekischen Überlandstraßen in endlos weiten Landschaften. Dann wieder fahren sie vorbei an Repräsentationsbauten und Überbleibseln einstiger sozialistischer Macht, an monumentalen Partisanen-Denkmalen, an hochgezogenen leeren Wohnblöcken, Hochhäusern, Türmen, Glaspalästen, Luxustempeln, die aussehen wie utopische Kulissen.

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Viele Filmsequenzen wurden aus dem fahrenden Auto gedreht, und der Ausstellungsbesucher wird direkt in den Sog dieses Fahrens, dieses Unterwegsseins hineingezogen. Die Filmbilder fliegen nur so am Auge vorüber, man spürt die Geschwindigkeit, das Tempo des immer weiter Fahrens, hat das Gefühl, selbst mit im Jeep zu sitzen, der Wolken von Staub aufwirbelt. Die Bilder rauschen schnell vorüber, vor allem die raffinierten Vexierbilder von spiegelnden und reflektierenden Glasfassaden. Manchmal scheinen die Filmsequenzen ineinander zu fließen, sich zu überlagern, was dem eigentlichen Dokufilm etwas Imaginäres, etwas Science-Fiction-Artiges gibt.

Für dieses Filmprojekt verwandelt sich der Kunst Raum für einmal in einen abgedunkelten Filmraum voller visueller Eindrücke: Im unteren Stock sieht man den klassischen Roadmovie, dieses On-The-Road im Jeep, dem ein Hauch von Abenteuerlust, der Mythos verwegenen Reisens und modernen Nomadentums anhängt – auch mit diesem Roadmovie-Element spielen die Filmemacher um Tobias Madison ganz bewusst und brechen es gleichzeitig auf.

Im zweiten Stock ist der Fokus auf die Architekturen gerichtet, aus ungewöhnlichen kühnen Perspektiven und oft während der Fahrt gefilmt, hier die alten monumentalen sozialistischen Bauten, dort die neuen architektonischen Luftschlösser, Wolkenkratzer und Shoppingtempel als Sinnbilder von Konsum und Wohlstand. Krass sind die Schnitte und Gegensätze zwischen alten und neuen Architektursymbolen, die einen Blick auf sinnentleerte Hüllen und die Zeichen der globalisierten Welt werfen. Zwischendurch sieht man die Reisenden, wie sie Rast machen vor den gewaltigen Bauwerken und auf ihren Stationen in Bosnien, Kasachstan, der Mongolei. Im obersten Stock schließlich erwartet einen das nächtliche Lichtermeer von Hongkong, dem Ziel der Reise. Die glitzernden Leuchtreklamen, die Wolkenkratzer, das schimmernde und leuchtende Blinken im Nachtdunkel verfließen zu Ornamenten, Arabesken und bizarren Mustern.

Auch für die Fotostrecken von Jan Vorisek hat man sich etwas Ungewöhnliches einfallen lassen: Die Fotografien werden auf vitrinenartigen Tischen aus Aluminium und Glas gezeigt, die Tobias Madison nach dem Grundprinzip eines Möbelstücks aus dem georgischen Tiflis gestaltete. Zu den Filmsequenzen läuft Musik von Sergei Tcherepnin und Nils Bech, die bei der Vernissage ein Live-Konzert gaben und nun sozusagen den Soundtrack zu der Route Riehen-China liefern.

– Bis 19. September, geöffnet Mittwoch bis Freitag 13-18, Samstag und Sonntag 11-18 Uhr.

Autor: Roswitha Frey