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07. April 2009 12:12 Uhr
Ausstellung
Was ist Heimat? Stefan Strumbel in der Galerie Springmann
Die illegalen Wandmalereien hat Stefan Strumbel lange hinter sich gelassen. Inzwischen ist der Street-Artist auf dem Kunstmarkt angekommen, seine Schwarzwaldmädel mit Maschienengeweheren sind der Hit in der jungen Szene.
Auf den ersten Blick meint man, in einen Schwarzwaldsouvenirladen geraten zu sein. An den Wänden Kuckucksuhren in unterschiedlichen Größen und wechselndem Design. Am Boden ein Völkchen von geschnitzten Waldameisen – jede groß wie ein Erwachsenenpantoffel –, die auf dem Rücken Ziffernblätter mit Uhrzeigern übers Parkett tragen. Daneben Bilder mit Motiven wie Bollenhut und Eichhörnchen – oder einem durchs Unterholz preschenden Schwarzkittel.
KARL LAGERFELD POSIERT MIT KUCKUCKSUHR
Doch schon auf den zweiten Blick stimmt das Schwarzwald-Idyll nicht mehr. Die Bollenhut-Trägerin, zum Beispiel, hat ihr Gesicht mit einem Palästinensertuch vermummt; in den Händen hält sie einen drohend erhobenen Baseballschläger. Das Eichhörnchen hantiert mit Handgranaten, und die Kuckucksuhren überraschen mit der Aufschrift "What the fuck is Heimat?". Die Arbeiten in der Galerie Springmann in Freiburg stammen von Stefan Strumbel. Mit seiner Heimat-Kunst geht der Mann aus Offenburg ab wie eine Rakete. Demnächst wäre er in die Umlaufbahn des internationalen Kunstmarkts eingetreten, hätte Henrik Springmann, sein Galerist, die Einladung zur diesjährigen Art Dubai (Bedingung: One-Artist-Show Strumbel) angenommen. Doch auch so wird der Dreißigjährige immer bekannter. Für einen Burda-Modeabend im Haus der Kunst in München schuf Strumbel eine Installation mit einer drei Meter hohen Kuckucksuhr in poppigen Farben, vor der dann Verona Pooth und Barbara Becker für RTL posierten. Bei Karl Lagerfelds fashion week in Paris ließ sich der Modezar mit einem etwas kleineren Modell des exaltierten Chronometers im Arm ablichten; seitdem ziert das Motiv seine Grußkarte.
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HEIMAT ALS INSPIRATIONSQUELLE
Heimat – für Strumbel, der im Umland von Offenburg aufwuchs, lag das Thema sozusagen vor der Haustür: buchstäblich auf der Straße, auf der der Street Artist einst begann. Mit Dreizehn fing er an zu sprayen, mit Siebzehn adelte die erste Strafanzeige sein anarchisches Tun. Das Thema Heimat war ihm früh eine Inspirationsquelle für seine frechen Graffiti – und ist längst zur munter sprudelnden Geldquelle geworden. Sein Image als Street Artist verleugnet Strumbel heute deshalb weder in seinen Kreationen noch im leicht schäbigen Outfit mit Rastamütze. Die verstaubten Relikte und Accessoires des Gestrigen holt Strumbel aus der Mottenkiste der Heimattümelei und konfrontiert sie frontal mit der Erfahrungswelt und visuellen Sprache von heute. Dem überladenen Kitsch hält er ironisch den Spiegel vor, indem er böse einzelne Elemente verändert. Obenhin betrachtet sind seine Kuckucksuhren ja nur zu groß und bunt geraten. Sieht man genauer hin, erkennt man, dass an die Stelle des schmückenden Beiwerks von Eichenblatt, Vöglein und Tannenzapfen Handgranaten, MGs oder am Schwanz aufgehängte Ratten getreten sind. Die Variante "Ahoi Heimat" für Fischköpfe und Nordlichter zieren Anker, Oktopus und piratenmäßig gekreuzte Knochen, Modell "Rolling Stones" neben E-Gitarren selbstredend eine herausgestreckte Zunge.
WAS BEDEUTET HEIMAT? GÄSTE DER GALERIE SPRINGMANN ERZÄHLEN
Das ist witzig und originell, doch eine neue Facette vermag Strumbel dem Thema Heimat nicht abzugewinnen. Bis jetzt hat er sich als begabter Cartoonist der Straße erwiesen – und als geschickter Vermarkter seiner Bildideen. Dass er mehr ist: ein ernst zu nehmender Künstler, muss er erst noch beweisen.
– Galerie Springmann, Grünwälderstr. 14, Freiburg. Bis 11. April, Dienstag bis Freitag 11–19 Uhr, Samstag 11–16 Uhr.
Autor: Hans-Dieter Fronz
