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01. September 2010

Was wir nicht sehen wollen

"Hidden Publics", "Versteckte Öffentlichkeiten": eine Ausstellung in der Kunsthalle Palazzo in Liestal.

Warum werden manche öffentlichen Orte zu versteckten? Weil wir sie nicht sehen wollen. Und warum wollen wir sie nicht sehen? Die von Walter Seidl (Wien) und Andrea Domesle (Liestal) kuratierte Ausstellung "Hidden Publics" antwortet ohne Umschweife: Weil sie unser Wohlbefinden stören. Da leisten wir uns endlich draußen im Grünen unser freistehendes Eigenheimglück und dann wird dort, wie in Halberstadt geschehen, in Sichtnähe ein fünfgeschossiger Plattenbau zur "zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber in Sachsen-Anhalt" umgewidmet. Markus Dorfmüller hat die Republik bereist und in elf weiteren Städten die "Erstaufnahmestellen" und "Polizeigewahrsame" für Asylbewerber fotografiert, und findet überall denselben visuellen Refrain: Aus den Augen mit denen, die wir nicht haben wollen! Raus mit ihnen an die wildwüchsigen Stadtränder! Wenn dann um die übermannshoch eingezäunten und mit Stacheldraht gesicherten Aufnahmestellen ein bisschen Grün drumherum ist, um so schöner.

Laurence Bonvin kehrt in seinen 16 farbigen C-Prints "On the Edges of Paradise" die Thematik um und verschafft uns Einblicke in eine gated community mit ihrer standarisierten, ja gleichgeschalteten Upper-class-Architektur, und wir sehen wohlgeordnetes, abgesichertes Lebensglück. Doch zwei Fotos brechen aus der Uniformität aus: Eine beleuchtete Brache unmittelbar hinter dem hohen Zaun mit Stacheldraht als Abschluss, und, in einem Nachtbild, ein wüstes Gelände ebenfalls direkt jenseits des Zauns. Und wenn hier die Wölfe heulen, lasst sie heulen!

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Die Wüste ist auch inmitten unserer Städte, doch wenn möglich, meiden wir sie. Warren Weidlich zeigt in drei großformatigen blaustichigen Nachtbildern eine Fußgängerunterführung in Rotterdam. Extreme Unwirtlichkeit des Ortes, Unbehagen, vielleicht auch Angst einflößende Kälte zwischen erstarrten Sichtbetonwänden. Wer sich hier den Schuss gibt, ist verloren. So verloren wie die Kinder und Jugendlichen in Tobias Zielonys Foto-Film "Le vele di Scampia", der im Norden Neapels "spielt", dort, wo die Camorra ihren Kampfplatz hat. Mit unruhiger Hand filmt er eine Sichtbetonburg, und es fällt schwer zu glauben, dass dieser terrassierte rüde Berg eine menschliche Behausung ist. Doch er ist es, und die hier wohnen, sind bereits stigmatisiert. Die kurzen Blicke der Jugendlichen in die Kamera sind nichtssagend, sind Blicke von abschätzender Gleichgültigkeit, die erst dann strahlend werden, wenn ein Deal geglückt ist oder abgefackelte Autos die Nacht erhellen.

Doch auf die versteckten öffentlichen Orte treffen wir auch in Martin Krenns 22 C-Prints "City Views", und was wir da entdecken, ist nicht sozialer Wildwuchs, sondern durchaus urbane Ordentlichkeit und das visuelle Versprechen, Normalität zu sehen. Aber es ist eine seelenlose Normalität, denn der beruhigende Schein ist erstarrt, das Leben ausgestorben. Und noch der Blick auf die intakte Fassade der Schule fällt durch einen hohen Drahtzaun, und erinnert daran, dass jede Schule, wie es in der Bildbeschreibung heißt, ein closed social system ist. Die soziale Kälte, die in den Fotografien und Videos als ästhetische sichtbar wird, können auch Walter Derungs weichgezeichnete "SX-70 Nights" nicht verbergen. Zerfließende Gänge, Räume und vereinzelte Gestalten evozieren eine Nachtmusik aus Verfall und Leblosigkeit.

Was wollen wir sehen? Was wollen wir auf keinen Fall sehen? Wer diese Ausstellung besucht, muss auf beide Fragen antworten. Muss sich gleich zu Beginn in Michaela Thelenovàs großformatigem Print auf Plastikfolie aus der Serie "Landscapes" fragen, welche Widersprüche seine Augen tolerieren. Der schmuddelige Supermakt "Hypernova" vor einer massigen Rohbauruine, die seit Jahren vor sich hin gammelt und hinter der sich eine diffuse Mischüberbauung ohne jede Struktur breit gemacht hat. Ästhetische Trostlosigkeit, so weit das Auge reicht. Wollen wir die sehen? Nein? Da ist sie trotzdem!



– Kunsthalle Palazzo, direkt neben dem Bahnhof Liestal. Hidden Publics, Versteckte Öffentlichkeiten. Bis 3. Oktober. Di, Do-So 11-17 Uhr, Mi 14-20 Uhr.

Autor: Nikolaus Cybinski


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