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20. Dezember 2011
Wo der Betrachter zur Ameise schrumpft
Michel Majerus: Eine Retrospektive im Kunstmuseum Stuttgart.
Soviel bemalte Leinwand, bedruckte oder mit Farbfolie überklebte Bildfläche war selten in einer Ausstellung. Michel Majerus, der Künstler aus Luxemburg, der 2002 mit 35 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, mochte es gern üppig bis monumental. Ein Format wie das von "enough" – zweieinhalb auf vier Meter groß – ist bei einem wie ihm bloßer Durchschnitt. Nicht mal die knapp dreizehn Meter lange Leuchtröhrenarbeit "olympia 2050" schafft es aufs Siegertreppchen der drei raumgreifendsten Werke der Retrospektive im Kunstmuseum Stuttgart. Das Rennen macht eine hundert Meter lange und fünf Meter hohe Arbeit, die in Gestalt eines Schriftzugs in Dispersionsfarbe die schier endlose Längswand des Untergeschosses überzieht. Der Wortlaut entspricht dem Titel: "one by which you go in one by which you go out" ist da in übermannshohen Lettern ohne Punkt und Komma oder Leerzeichen zu lesen. Man muss ein bisschen wandern – auch im Geiste –, um sich den Inhalt und möglichen Sinn des Satzes zu erschließen.
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Der ausladenden Dimensionen dieser rasanten Bildkunst wegen ist die Retrospektive vom Kubus des Kunstmuseums, wo Sonderausstellungen sonst ihren Ort haben, in die Niederungen und Weiten von Erd- und Untergeschoss hinab gestiegen; am Ende des 100-Meter-Augensprints oder -marathonlaufs des Stuttgarter Parcours schließt sich noch ein Saal mit vier monumentalen, in einem Rahmen aus Stahlträgern dargebotenen Bildern an. Schon die schiere Größe ist aussagekräftig. Sie spiegelt eine medial geprägte, urbane Lebenswelt, die den Menschen als virtuellen Konsumenten im visuellen Dauerbeschuss von Plakatwänden oder elektronischen Tafeln herab ins Visier nimmt.
Exakt so großspurig und unvermittelt springt Majerus’ Bildkunst den Betrachter an – mit ihrer plakativen Formensprache, ihren bunten und bunt gemixten Motiven unterschiedlichster Provenienz und einer Ästhetik, die die visuelle Überwältigungsstrategie der Aufmerksamkeitsindustrie im Blow up der Motive in die Kunst hinein verlängert. Vor dem sich türmenden Digitaldruck "Pathfinder", der eine Titelseite der Satirezeitschrift "Pardon" ins Monumentale aufbläst, auf welcher King Kong als Weihnachtsmann auf einem Kaufhof-Turm herumturnt, schrumpft der Betrachter erlebnismäßig zur Ameise – nicht anders vor dem in Untersicht gegebenen, aus einer poppig-abstrakten, dynamisch bewegten Komposition in Lack heraustretenden riesenhaften Turnschuh. Bewegungsfiguren und Motive der Jugendkultur kehren bei Majerus, der ja ein Vertreter der Turnschuhgeneration war, wieder. Im Kölnischen Kunstverein diente ihm eine Halfpipe als Bildfläche für eine mehrere hundert Quadratmeter umfassende Komposition. "Eye protection" heißt, als habe er sich zuzeiten selbst wenigstens in Gedanken zur Ordnung rufen müssen, ein elf Meter breites Querformat .
Von den kleinformatigen Bildern des während und kurz nach seiner Studienzeit an der Stuttgarter Kunstakademie entstandenen Frühwerks über Arbeiten der Berliner Jahre bis hin zu den bei einem einjährigen Aufenthalt in Los Angeles geschaffenen riesigen Formaten liefert die Ausstellung einen aussagefähigen Querschnitt durch das Werk. Für seine hybriden Bildwelten bediente sich Majerus der verschiedenartigsten Techniken. Neben Malerei in Öl und Acryl arbeitete er mit Lack auf Aluminium, Siebdruck auf Baumwolle oder Digitaldruck auf Vinyl – auch mal mit Kakaobutter auf Oblaten oder manch anderen Materialien und den unterschiedlichsten Bildträgern. Als Kind des Computerzeitalters nutzte er Photoshop und Digitalprint und entwarf den Bildaufbau häufig am PC, dessen Darstellungsweisen und Benutzeroberflächen die Werke etwa in der Überlagerung verschiedener Bildebenen zitieren. Reale und virtuelle Welt fließen bei Majerus fröhlich ineinander.
Der Pluralität der Techniken entspricht ein Arsenal an Sujets und formsprachlichen Anregungen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Themen und Motive aus Massenmedien und Reklame, Computerspiel und Comic verquirlt Majerus im Sampling-Verfahren mit Zitaten aus Pop-, Minimal- oder Op-Art und anderen kunstgeschichtlichen Strömungen: ein Stilmix aus Micky Maus und de Kooning, Science-Fiction und Farbfeldmalerei. – Und was genau ist sein ureigener Beitrag? Die Kühnheit, mit der er das Verschiedenartige kombiniert und darin die kunterbunte visuelle Diversität heutiger Erfahrungswelt spiegelt.
– Kunstmuseum Stuttgart. Bis 9. April, Di bis So 10–18 Uhr, Mi, Fr bis 21 Uhr.
Autor: Hans-Dieter Fronz
