Alltäglich und doch ungewohnt

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mi, 07. März 2018

Ausstellungen

Die Kunsthalle Basel zeigt Werke von Michael E. Smith, der auf der Suche nach dem Urklang der Welt Alltägliches neu sieht.

Eindeutig am falschen Ort haben sich zwei Sessel auf der Treppe der Basler Kunsthalle niedergelassen. Die schweren Möbel in altrosa Samt scheinen im nächsten Moment ins Foyer herabsausen zu wollen. Oder sind sie nur oben noch nicht angekommen? In jedem Fall steht Bewegung im Raum, wenn auch offen bleibt, wohin die Reise gehen soll. Wie Michael E. Smith die Sitzmöbel, deren streng kubische Form mit Material und Farbe ihres Bezugs kontrastiert, in ihrer Position fixiert hat, bleibt das Geheimnis des US-Amerikaners, dem die Basler Kunsthalle ihre jüngste Einzelausstellung widmet.

Der 1977 in Detroit geborene Künstler arbeitet mit gebrauchten Gegenständen, Werkzeugen, Stoffen, ausgestopften Tieren oder Teilen von einst Lebendigem und entfremdet sie ihrer Bestimmung, indem er neue Bezugslinien schafft. So sind die Sessel sind in ihrer Existenz unverändert, nur ihre Anordnung im Raum schafft den Bruch. Assoziieren mag mit der ungewohnten Sesselposition nach Willen des Künstlers jeder, was ihm gerade in den Sinn kommt. Die beiden einander nahe gegenüberstehenden Sessel lüden an anderer Stelle zum Platznehmen ein, zur Kommunikation. Am aktuellen Ort entstünde indes massives Ungleichgewicht und eine Kommunikation von oben nach unten oder umgekehrt. Schon beim Hinsehen stellt sich da Unwohlsein ein.

An den Sesseln vorbei geht es hinauf in den fast leer gelassenen Oberlichtsaal der Kunsthalle. Hoch über den Köpfen schwebt hier kommentarlos ein Stapel von weichen Fleecestoffen, die sich farblich ihrer Umgebung anpassen. Direkt von unten betrachtet, werden sie zur Schwindel auslösenden Skulptur. Was wärmenden Schutz gewähren könnte, ist hier unerreichbar. Politische Aussagen? Natürlich schwingen die auch immer mit, so Smith, der seine Arbeiten aber jeweils nur als Vorschläge verstanden wissen will. Insgesamt gehe es ihm darum, so etwas wie den "basic earth sound" oder einen über allem schwebenden Grundton hörbar und die "flatline", die Nulllinie, spürbar zu machen. Dem Grundton nimmt auch das im Ausstellungsplakat dargestellte Om-Zeichen auf, das etwa in buddhistischen Mantras vorkommt und für einen transzendenten Urklang steht.

Um den Ton zu finden, sind Smiths Ausstellungen immer für einen speziellen Ort geschaffen und reisen nicht. Dem Ort erkennbar verpflichtet ist in der Kunsthalle etwa diese eigentümliche Flügelskulptur, die der Künstler aus einer ausrangierten Zimmertür gesägt und über Eck zusammengestellt hat. Harmonisch in die geschwungene Form eingepasst sind hier in Harz gegossene Taubenflügel. Das Ganze steht Ernst Stückelbergs monumentalem Fresco "Das Erwachen der Kunst in der Renaissance" von 1877 an der Stirnwand des Treppenhauses und dem darin zentralen Engel gegenüber.

Besser nicht ohne Führung besuchen

Von hier aus rückwärts betrachtet lässt sich jetzt auch ein Bogen spannen vom Altrosa der noch immer zwischen Auf und Ab disputierenden Sessel zu Stückelbergs mit großer Geste gemaltem Faltenwurf. Insgesamt hat Michael E. Smith, wie vermutlich auch der knapp 150 Jahre ältere Basler Maler, Großes im Sinn. Zwar umfasst seine jüngste Ausstellung nicht mehr als sieben weit im Obergeschoss der Kunsthalle verteilte Arbeiten, die fast immer auf an Trödelmärkten Gefundenem aufbauen. Immer geht es um eine Kombination von Allgegenwärtigem und im Zusammenhang Fremden, das auf den gegenwärtigen Zustand Welt zurückverweisen will und nichts weniger eine Archäologie der Menschheit anstrebt. Kunsthallendirektorin Elena Filipovic beschreibt Smiths Werke als "von makabrem Esprit, humorvoll und tragisch, bedeutungsvoll und unbeschwert zugleich". Besser nicht ohne Führung besuchen!

Info: "Michael E. Smith" bis 21. Mai, Kunsthalle Basel, Steinenberg 7, Di/Mi/Fr 11-18 Uhr, Do 11-20.30 Uhr, Sa/So 11-17 Uhr, Führung durch die Ausstellung: jeden So 15 Uhr, Info: http://www.kunsthallebasel.ch