Arbeit im Steinbruch

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Fr, 09. März 2018

Ausstellungen

Das Freiburger Morat-Institut zeigt Holzschnitte von Andreas Rosenthal.

"Eingraben und Aufschichten" – im Grunde ist die Ausstellung dieses Titels mit Holzschnitten von Andreas Rosenthal eine Retrospektive; nur dass diese, zeitlich gestaffelt, auf drei Orte verteilt ist. Den Beginn dieser ungewöhnlichen Werkschau machte im vergangenen Sommer eine Präsentation im Stadtmuseum Siegen. Die Fortsetzung war die im Januar angelaufene Schau im Kunstmuseum Singen. Jetzt hat das Freiburger Morat-Institut mit einer Ausstellung nachgezogen, die sich mit jener in Singen, die bis 31. März dauert, zeitlich überschneidet. Jede der drei Schauen beleuchtet andere Facetten im Schaffen Rosenthals der vergangenen 25 Jahre. An allen drei Orten aber waren oder sind (fast) ausschließlich Holzschnitte ausgestellt.

Denn Rosenthal, 1950 in Düsseldorf geboren und wohnhaft in Münster, hat sich in diesem Vierteljahrhundert geradezu obsessiv mit dem Holzschnitt beschäftigt. Wobei er die Technik auf ganz eigene Weise, man möchte sagen: bildhauerisch interpretiert (es existieren, nebenbei bemerkt, auch Skulpturen von ihm). Denn nicht nur mit Hohleisen und Grabstichel, auch mit Kettensäge, Axt und Winkelschneider bearbeitet er den Druckstock. Druckte er anfangs der Tradition gemäß mit schwarzer Farbe auf weißem Papier, so ging er bald dazu über, in mehreren Schichten auf schwarz eingefärbtem Papier mit weißer oder blaugrauer Farbe zu drucken. Insbesondere die großformatigen Holzschnitte der Serie "Steine" im Morat-Institut scheinen zudem malerisch, nämlich mit dem Pinsel bearbeitet zu sein.

Gleichwohl bezeichnet sich Rosenthal selbst nicht als Holzschneider oder Maler, sondern als Zeichner. Seine Druckstöcke heißen bei ihm "Zeichenbretter". Die Arbeit an ihnen aber vergleicht er mit der Arbeit in einem Steinbruch.
Ausgangspunkt für die von 1992 bis heute sich kontinuierlich erweiternde Serie waren historische Ereignisse des leidvollen 20. Jahrhunderts. Schon in der brachialen Entstehungsweise sind die Holzschnitte ein Pendant der historischen Destruktionen und Umwälzungen, an die sie erinnern. Von gegenständlichen Anfängen, wie sie in der monumentalen Arbeit "Regal", einer Anhäufung von 18 Holzschnitten, partiell noch erahnbar sind, hat sich Rosenthal im Lauf der Zeit weit entfernt.

Lassen sich einzelne Bildelemente der Serie "Steine" anfänglich noch mit diesem Titel in Verbindung bringen, so ist der gegenständliche Bezug in späteren Arbeiten gekappt. Lediglich die – im Morat-Institut fehlende – Werkgruppe der "Gesten" von 2015 erhält in der ausdrucksvollen Versammlung von Händen und Handpaaren die Verbindung ins Figürliche aufrecht.

In der Überlagerung mehrerer Druckschichten erscheinen flächige Strukturen häufig dreidimensional. Gitter- oder rasterartige Strukturen wiederum geben manchen Papieren eine Anmutung des Anonymen. Serien von Farbholzschnitten kleineren Formats mit Rot, Gelb und Braun haben überdies zeichenartige Strukturen. Am überzeugendsten aber ist Rosenthals Holzschnittkunst in kompositorisch meisterhaften Blättern mit gestisch-informellen Setzungen von starker Ausdruckskraft.

Morat-Institut, Lörracher Str. 31, Freiburg. Bis 28. April, Sa 11–18 Uhr.