Das Blut im schönen Blau der Wellen

Herbert M. Hurka

Von Herbert M. Hurka

Sa, 15. September 2018

Ausstellungen

Ausstellung und Performance: "Disease of the Eyes" von Sanya Kantarovky, "Counterpoint" von Zhana Ivanova in der Kunsthalle Basel.

Wenn er selbst inszenierte, war Samuel Beckett berüchtigt für seine minutiösen Regieanweisungen. Als absoluter Herrscher über das Bühnenkarree antizipierte der irische Dichter Mimiken, Stimmmodulationen, Gesten und Bühnenwege seiner Schauspieler aufs Exakteste. Diese Schablone greift die Bulgarische Performance-Künstlerin Zhana Ivanova in "Counterpoint" auf. Als Spielfeld dient ihr in der Basler Kunsthalle ein roter, streng geometrischer Teppichboden mit sechs aufgeklebten Nummernzetteln. Ihre drei Akteure weist sie aus als männlich, durchschnittlich gebaut und gekleidet, weiß und westlich.

Allerdings sind sie nur scheinbare Protagonisten – denn aus dem Off beschreibt ein allwissender Erzähler, was auf dem Spielfeld passiert, zu welcher Zahl sich der erste Akteur bewegt, zu wem er dann blickt, und dass der Zweite die Hand zur Faust ballt, während der "dritte Mann" mit dem Kopf nickt. Als entwickelte die Performance aus jener Redewendung, dass bei Dreien schon immer Einer zu viel sei, ein trianguläres Spiel aus Gesten der Rivalität, Unterwerfung und unterschwelliger Gewalt: Männer eben! So jedenfalls möchte die Künstlerin die Auswahl ihrer Protagonisten verstanden wissen.

Wenngleich sich diese Aufführung am nachhaltigsten einprägt, stellt sie doch nur einen Aspekt der multimedialen Gesamtkonzeption dar. Im Nachbarraum läuft gleichzeitig ein Video mit drei anderen Männern, die, in Übergröße gefilmt, das Gegenteil der asketischen Gestik der Live-Darsteller ausagieren. Sie nämlich haben die Freiheit, wild die Arme zu schwenken und – wer weiß? – entweder gleich aufeinander loszugehen oder in einen munteren Tanz einzusteigen. Text, Live-Act und Film balancieren sich zu dem aus, was "Counterpoint" (Kontrapunkt) ankündigt, zu einem mehrstimmigen und von Gegensätze durchbrochenen Minidrama.

Es mag verwundern, dass Ivanovas mittlerweile dritter Auftritt in der Kunsthalle unter "Ongoing Retrospective (Chapter3)" läuft. Damit aber will die 1977 geborene Künstlerin, die sich noch eher am Anfang einer Karriere sieht, die Zeitachse umkehren und ihr auf lange Sicht angelegtes Projekt der Erforschung der unausgesprochenen Regeln des menschlichen Verhaltens von einem imaginären Ende her denken, aus der Perspektive des Futur II, das recht genau die flüchtige Performance-Kunst beschreibt: Es wird gewesen sein.

Zweifellos ist es eine kühne Geste, wenn ein Maler seine Bilder als Augenkrankheit annonciert: Sanya Kantarovsky betitelt seine Ausstellung am selben Ort mit "Disease oft the Eyes". Während bei der Performance im Obergeschoss die Subjektivität der Akteure von den verzwickten Beziehungsproblemen aufgesogen wird, isoliert der 1982 in Moskau geborene Künstler seine Figuren und stellt sie nicht selten geradezu brachial zur Schau.

Am stärksten isoliert wirkt der einsam im Wasser dahintreibende "Floater", dessen bleiches Gesicht sich aus dem lieblichen Blau der Wellen erhebt. Sollte sein Blick auf einen ersten Eindruck versonnen und friedlich anmuten, so ist das nur Schein, denn aus einem Loch im Brustkorb breiten sich rote Schwaden aus. Der vermeintliche Rückenschwimmer ist eine Leiche.

Kantarovskys narratives Prinzip zeigt sich an diesem Gemälde besonders deutlich, auch wenn seinen Szenarien eine weitgehend stringente Bildgrammatik zugrunde liegt, nach der eine Figur mit expressivem bis fratzenhaften Gesichtsausdruck aus ihrer fremdartigen Umgebung hervorsticht: ob ein blinder Diktator mit weggesprengtem Unterkiefer vorm Mikrophon gestikuliert, ein leblos-nackter Körper von zwei Dunkelmännern aus dem Bild geschleift wird oder ein auf heiterer Frühlingswiese abwärts gekreuzigter Märtyrer mit seinem aufmerksamen Blick die Besucher fixiert.

Dass kaum eine Konstellation der anderen gleicht, verdankt sich nicht allein allen möglichen Anleihen aus der Kunstgeschichte wie etwa von Expressionismus und Jugendstil, sondern vor allem Kantarovskys Malerei selbst, die von kalkulierter Grobschlächtigkeit bis zum virtuosen Hyperrealismus über alle Register verfügt. So eindringlich diese Bilder das Publikum anspringen mögen, so wenig bedienen sie es mit einer uniformen Botschaft. Was das eine Bild emphatisch anklagt, ironisiert und karikiert bereits das nächste.

Kantorovskys auf Verzerrungen abhebendes Menschenbild widersetzt sich der perfektionierten Bildermacht des globalen Medienoutputs, vielleicht sogar mit der Hoffnung, dass die Malerei diese progrediente Augenkrankheit, wenn nicht heilen, so doch wenigstens mildern könnte. Für die Dauer des Ausstellungsbesuchs gelingt das jedenfalls ohne Einschränkung.

Kunsthalle Basel, Steinenberg 7.
Performance: Bis 16. September,

Do 19 -19.30, Fr bis So 15–15.30 Uhr.
Ausstellung: Bis 11. November, Di, Mi, Fr 11–18, Do 11–20.30, Sa, So 11–17 Uhr.