Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

11. Februar 2012

Das Meer

Ein Dialog der Bilder: Die Stuttgarter Staatsgalerie zeigt die Maler William Turner, Claude Monet und Cy Twombly.

"Lieber Freund, leider kann ich Sie nicht begleiten, Sie können sich nicht vorstellen, wie hart ich arbeite..." Claude Monet an den Kritiker Gustave Geffroy. Der Brief kam später in die Hände eines andern. Der Maler Cy Twombly sammelte Briefe von Malern, die er schätzte. Wie William Turner gehörte auch Monet dazu.

Als der Geffroy die Mitteilung schickte, steckte er tief in der Arbeit an seiner Serie der Kathedrale von Rouen, mit der er dem Impressionismus, wie bei den Heuhaufen vorher, eine Systematik unterlegte. Der immer gleiche Gegenstand wird durch das wechselnde Tageslicht immer neu definiert. In der Ausstellung jetzt ist wenigstens eine der Kathedralfassaden. Das Portal noch ganz in Schatten versunken, ein Turm schon taghell. "Das auftauchende Bild" ist ein Aspekt, unter dem Jeremy Lewison, der Kurator der Ausstellung, die aus Stockholm kommt und von Stuttgart nach Liverpool weitergeht, die drei Künstler betrachtet: Turner, den Maler romantisch gestimmter Landschaft und Historie, den Impressionisten Monet und den erst im vergangenen Jahr verstorbenen Cy Twombly.

Werbung


Nymphen und Nymphäen

Drei Künstler dreier Epochen, in einer dialogischen Zusammenschau. Unter Stichworten wie Atmosphäre, Melancholie, Lebenskraft . . . sucht Lewison den Vergleich. Was die drei einleuchtend verbindet, ist eine offensiv unkonventionelle Haltung zur Malerei. Monet spielt virtuos das unvoreingenommene Auge, das den Dingen im Augenblick begegnet. Der tollkühne Turner gibt den Visionär von Licht und Nebel. In seinem Nachlass fand sich vieles, das den obligatorisch abschließenden Schritt der Vergegenständlichung noch gar nicht erkennen lässt: erst noch im "Auftauchen" begriffenes Unvollendetes. Einer abstrakten Moderne, die ihre Ahnen suchte, entsprach das sehr.

Als eine Art Abstrakter Expressionist des 19. Jahrhunderts wurde Turner in einer Ausstellung in den 1960er Jahren im New Yorker Museum of Modern Art gefeiert. Vom Abstrakten Expressionismus kam Twombly ja her. Und von ihm setzt er sich ab, wenn er den alten Metaphern wieder Eingang ins Bild verschafft. Einen "romantischen Symbolisten" nannte er sich selbst. Und dem geschätzten Turner steht er damit in Wahrheit doch noch näher als die radikal Abstrakten. Twombly begründet sein Malen im freien Handeln und grundiert es doch wieder inhaltlich literarisch und historisch. Turner auf der andern Seite ist immer ein originär malerisches Temperament, wiewohl er von Erzählungen ausgeht – oder auf sie hin. Mythische Weltgeschichte wird ihm zu "Licht und Farbe". Malgeschehen ist "Der Morgen nach der Sintflut". Ein aufgewühltes Bild des Untergangs geht dem voran – des Abends vor der Sintflut.

Twombly – der Amerikaner, der in Italien lebte – nimmt eine Geschichte auf, die auch Turner beschäftigte: die antike Legende von Hero und Leander (Turners "Abschied von Hero und Leander" kam jetzt leider nicht mit in die Staatsgalerie). Leander schwimmt durchs Meer, um seine Geliebte, die Priesterin Hero, zu treffen, und wird, als im Sturm ihr Lichtzeichen erlischt, das ihn leitet, vom Meer verschlungen – worauf Hero sich das Leben nimmt. Twombly erzählt uns dies im Einzelnen nicht, ruft nur den Namen ("Leandro"), lässt Farbe aufwallen und sich schlussendlich glätten – und schließt mit einem Wort des Dichters John Keats, auf einem den drei Bildtafeln angefügten Papier: "He’s gone …"

Was in keinen Kopf geht

Und es ist dies nun nicht nur das Bild von Liebe und Desaster. In Twomblys Dreiakter des Verschwindens, dem Schlussakt der großen Flut, dieser Verschmelzungsphantasie, scheint sich vielmehr Barnett Newmans Postulat "The Sublime is Now" zu erfüllen. Twombly suggeriert das Erhabene auf seine Weise. Und durchaus nicht, wie von dem amerikanischen Abstrakten Expressionisten gefordert, "ohne den nostalgischen Blick auf die Historie".

Als "Symbolist" arbeitet er mit Zeichen. Das Boot ist eins, das wiederkehrt. Die Plastik "By the Ionian Sea" zitiert es – und dazu den Autor George Gissing, der im Buch dieses Titels eine elegische Reise beschreibt. "Endlos die Stille der antiken Welt zu durchstreifen", wünscht er sich: "das Heute und all seine Geräusche (zu) vergessen." Twomblys plastische Arbeiten lassen, wie die Gemälde, an den Verlust von etwas denken und beschwören die Gegenwart dessen, was als verloren beklagt wird, im Medium der Kunst. In seinem "Orpheus" lässt Twombly die Lettern sich kaum noch zum Namen des mythischen Sängers zusammensetzen. Weit verstreut sind sie im Raum. Orpheus? Leander? Die Bilder, an die sich die Namen knüpfen, sind wie Inseln in einem Meer. Wehmütiger Widerspruch zum Vergessen. In früheren Zeiten – vor Monet, vor Turner – hätte einer wie Twombly wahrscheinlich Ruinen gemalt.

"Quattro Stagioni", der monumentale Zyklus der Jahreszeiten, schließt alles ein, was Twombly ausmacht: sinnlichen Überschwang und melancholisches Weh. "Primavera", der Frühling, kommt mit einer Armada von "Booten" mit vielen Rudern, in vitalem Rot. "Inverno", dem Winter, schwinden Farben und Formen. Monet, dem Maler von Licht und Augenreiz, wird das schwimmende Venedig zum Ort solcher Schwermut. Erst nach dem Tod seiner Frau, in Trauerstimmung, malt er die Bilder der gemeinsamen Reise zu Ende, mit gleitenden Booten darin und Lichtstimmungen, die gegen Abend deuten. Und Turners Venedig ist eh eine Stadt im Untergang, im Verschwinden. Die Boote sind Charonsbarken in der Lagune. An "Friede – Bestattung zur See", auch eins der bekanntesten Bilder Turners, schließt übrigens Twomblys "Winter" an (hier gleich an der Wand gegenüber).

Jeremy Lewison denkt in der Ausstellung, der er den Untertitel "Later Paintings" gibt und in der er gerade "spätere" Werke der Künstler versammelt, über das Malen im Alter nach. Ein Phänomen Spätwerk ist kunsthistorisch kaum nachzuweisen und zu umreißen. Behaupten aber lässt sich, dass die hier behandelten drei Maler je auf ihre Art als Erotiker auf das Alter reagieren. Turner lässt in seinen Farbflüssen Nymphchen auftauchen. Und man muss in die späten Werke Monets nicht, wie Lewison, Schamhaar und weibliche Höhlungen hinein deuten, um ihn mit seinen Nymphäen-, seinen Seerosen-Oden, den uferlosen Gartenteichen, seinen farbig züngelnden Gärten für erotisch zu halten. Er, der allen hergebrachten Inhalt aus seiner Augenkunst ausschloss, malt dann im Alter an einer Geschichte der großen Umarmung, der allumfassenden Natur. Wasserrosenozean. Wie die Fluten, die sich bei Twombly besänftigen, nachdem Leander in ihnen verschwand. Wie Turners "Ruhige See".

Turner, Monet, Twombly – Melancholiker und Vitalisten allesamt – sprengten in ihrer Zeit alles, was malerisch abgemacht und gemäß schien. Und selbst der Optiker unter ihnen, der Impressionist Monet, ist am Ende Mythenbildner. In Twomblys riesigen Päonien ("A Scattering of Blossoms and Other Things") kehren seine Nymphäen dramatisch verwandelt wieder und sprengen nochmals jedes Maß.

Da reißt einer einen Vorhang auf. Und auf der Bühne ist . . . Ein Meer. Ein Leuchten, Blühen, das in keinen Kopf geht.


– Staatsgalerie Stuttgart. Bis 28. Mai, Di, Do 10–20, Mi u. Fr bis So 10–18 Uhr.

Autor: Volker Bauermeister