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08. Juni 2011

Das Netz der Wünsche

VERBORGENE SCHÄTZE (XVIII): Ein Perlengewebe aus einem Mumiensarg der altägyptischen Spätzeit.

Das Freiburger Völkerkundemuseum ist geschlossen, die Sammlung ohne Schauraum. Unsere Reihe "Verborgene Schätze" will daran erinnern, dass es in der Stadt einen Bestand großartiger kultureller Zeugnisse aus Asien, Afrika, Australien und Amerika gibt.

Das Alte Ägypten hing so am Leben, dass es einen grandiosen Kampf gegen sein Ende führte. Entschlossen, mit allen Mitteln der Magie den Tod zu überwinden. Todesfixiert aus lauter Lebensliebe. Man baute Häuser für die Toten und gab ihnen mit, was sie brauchten auf der andern Seite der Welt. Man präparierte die toten Körper, um sie gegen den Verfall zu schützen. Ein Mumiensarg – eine Leihgabe der Freiburger Völkerkundesammlung, die allein rund 1000 ägyptische Stücke einschließt – ist jetzt in der Ausstellung "Leben am Nil" im Archäologischen Museum Colombischlössle zu sehen.

Der Sarg stammt aus dem Fundbestand der sogenannten Badischen Grabung vorm Ersten Weltkrieg im mittelägyptischen El Hibe, von dessen Teilung die Universitäten in Heidelberg und Freiburg profitierten. Datiert wird er in das zweite oder erste Jahrhundert v. Chr. Gefunden wurde er am Ende der Grabungsperiode im März 1914. Das Grabungstagebuch gibt wieder, was sich den Augen bot, nachdem der äußere kastenförmige und der innere – der mumiengestaltige Holzsarg geöffnet waren: "Es fand sich die Leiche darin in der üblichen Wickelung, über derselben war eine vom Kopf bis zu den Fußknöcheln reichende Perlenstickerei befestigt, die noch vollkommen intakt war . . ."

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1924 wurde, mit Ausnahme der Papyri, die in der Universitätsbibliothek bewahrt werden, der Freiburger Grabungsertrag an die Städtische Völkerkundesammlung übergeben, die allerdings nur wenig später für Jahrzehnte geschlossen wurde. Der Sarg war 1990 im Völkerkundemuseum Gegenstand einer Ausstellung, nachdem eine naturwissenschaftliche Analyse der Mumie und eine dringend nötige Restaurierung abgeschlossen waren. Das Perlennetz wurde für die große Mumienausstellung in Stuttgart (2007) wieder hergestellt – und war dort wohl überhaupt erstmals zu sehen. Ein bedeutendes Beispiel seiner Art, wie sich bestätigte.

Wenige Jahre nach dem Fund aber war das Netz schon nicht mehr "intakt" gewesen; der verbindende Leinenfaden hatte sich aufgelöst. 1926 spricht der Grabungsleiter, der Heidelberger Ägyptologe Hermann Ranke, davon, dass von dem "besonders reichen Stück leider nur Teile gerettet werden konnten". Dies widerspricht dem Bericht im Tagebuch wie den in El Hibe aufgenommenen Fotos.

Nach deren Vorlage wurde das einst der Mumie aufliegende Netz aus tausenden Fayenceperlen, das in ein grobmaschiges Rautenmuster bildliche Darstellungen einbindet, restauriert. Dann auf einen Schaumstoffkörper aufgebracht. Der Bemalung des Sargs, der nun ohne Inhalt – ohne das Netz – im Colombischlössle zu sehen ist, entspricht in Brusthöhe in dem Perlengewirk ein Skarabäus mit ausgebreiteten Flügeln und roter Sonnenscheibe. Der die Mistkugel rollende Käfer galt den Ägyptern als ein Sinnbild sich erneuernden Lebens. Wie auch die Lotosblüte, die aus dem Wasser aufzutauchen scheint wie die Sonne aus der Nacht. Und so zeigt das Netz zudem einen breiten halbrunden Kragen aus solchen Blüten.

Schutz versprechen die beiden geflügelten Göttinnen Isis und Nephtys, Schwestern des Osiris, der von seinem Bruder Seth ermordet wurde und doch wieder zum Leben fand. Vorbild aller Auferstehung ist der Totengott, Identifikationsfigur der Toten. Vier kleine Gestalten in Bauchhöhe sind Söhne des Horus, der ein Kind des Osiris und seiner Schwesterfrau Isis war. Die Vier wurden als Wächter über die Innereien gesehn: Leber, Lunge, Magen, Gedärm. Auch auf den Deckeln der Krüge findet sich ihr Bild – der Kanopen, in denen man die dem mumifizierten Leichnam entnommenen Organe bewahrte. Auf Schutz und Bewahrung zielt somit die Sammlung von Bildzeichen. Ein Netz der guten Wünsche ist dies Netz. Die Inschrift sagt: "Ein Opfer, das der König gibt, für Osiris, den großen Gott, den Herrn des Himmels. Er möge ein vollkommenes Begräbnis veranlassen . . ."

Das Gesicht der männlichen Mumie war von einem Bild bedeckt, das in seiner typisierten Form der Hieroglyphe "Gesicht" gleichkommt. So hebt die magische Schutzhülle, das Perlennetz, den Wunsch hervor, dass der Mensch hier den Tod überdauere. Das symbolische Kopfbild mutet wie eine Beschwörungsformel gegen das Verschwinden an. Gemalte Mumienporträts aus späterer römischer Zeit, wie sie die badischen Ausgräber auch suchten, kehren das Individuum hervor: verewigen buchstäblich das Antlitz der Verstorbenen.
– Ausstellung "Leben am Nil" im Freiburger Archäologischen Museum Colombischlössle bis zum 16. Oktober. Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr.

Autor: Volker Bauermeister