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07. Februar 2012

Der Traum der Vernunft

KUNST UND LEBEN: L’Art pour Lahr blickt zurück auf das Lebenswerk des 2009 verstorbenen Zeichners Reinhard Krastel .

LAHR. Niemals ist er deutlich in Erscheinung getreten mit seiner beachtlichen Kunst. Zu scheu und vielleicht zu wenig sicher bezüglich seines Schaffens, zu wenig bereit sich den Regeln des Kunstmarkts zu unterwerfen – und so zeichnete er ein viel zu kurzes Leben lang still vor sich hin. Nur wenige Freunde fanden Zugang zu ihm– die beiden Kollegen Rainer Zimmermann und Johann Türck, die, wie er, Kunst am Lahrer Scheffelgymnasium unterrichteten und sein zu Zeiten der Lahrer Autorengalerie Galerie 46 vertrauter, einstiger Kommilitone an der Stuttgarter Akademie, Peter Gaymann.

Gaymann kam und sprach zur Eröffnung dieser Gedenkausstellung, die Reinhard Krastels Schwester, Sibylle Krastel-Dibbern, dankenswerter Weise zusammentrug, um der Öffentlichkeit anhand von etwa 60 meist kleineren Zeichnungen das augenfällige Können ihres 2009 verstorbenen Bruders vorzuführen.

Selten signiert und fast nie datiert, kann man die Blätter allenfalls thematisch zuordnen. Was aber sofort beeindruckt, ist der sichere Strich des Künstlers, der umrisshaft und knapp -– mal mit Humor, mal in Satire – Szenen zu arrangieren weiß, die intensiv erlebte, konfliktreiche menschliche Situationen bezeichnen. Erzittern und Erschrecken scheinen da auf; albtraumhafte Visionen, anklagende und strafende Haltungen, Versteckspiele in abhängiger Verstrickungslage und fluchtartige Bewegungen. Die schwarze Pinsellineatur von Tuschen auf meist vergilbten Papieren und Kartons lassen in ihrem antikisierenden Charakter und der psychologischen Eindringlichkeit ihrer oft düstern Szenen an Goya denken. An seine Radierfolgen wie die "Caprichos" und deren Titel wie etwa: "Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer", der auch Titel für das Grundthema von Reinhard Krastel sein könnte. Krastel lässt, wie im Theater ein nur die jeweilige Szene erleuchtendes Licht von oben auf seine Figuren fallen. Ihre bezeichnenden Physiognomien – mancher Kopf erscheint als Schweinekopf – treten umso deutlicher hervor: Engherzig, geizig, bösartig, prätentiös und eitel die einen, schlicht, tumb, fett, ineffizient und beliebig die anderen. Diese Szenen sind quasi eingerahmt von Architekturen, während das Inventar aus Betten, Stühlen, Bahren, Särgen und Sarkophagen besteht. An Piranesis "Carceri" erinnert das, an unentrinnbares Eingesperrtsein.

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Die am neutralsten gezeichnete Figur ist der Künstler selbst, der in solcher Entourage von Befehlenden existieren muss und nur durch Fingerzeige auf Leinwände, Staffeleien, Geburtsszenen oder Marienskulpturen gewissermaßen die Nichteinhaltung von ursprünglichen Versprechungen anmahnt. In anderen Bildern treten Revolutionäre auf und manchmal ist seine Staffelei gezeichnet wie eine Guillotine.

Erinnerung an viel tragisches Ereignen in der Familie

In einer Szene liegt der Künstler – so darf man annehmen – im Krankenhausbett, umgeben von ungeschickt wirkenden Hilfskräften. Er selbst drückt durch seine ruhige Haltung einen Nichtglauben an die Heilungskraft durch Institutionen aus. Viele dieser leise getönten Gouachen entstammen sehr wahrscheinlich der Erfahrungswelt von Reinhard Krastel. Er fühlte sich zeitlebens geplagt vom Zwang des Unterrichtens und der mangelnden Zeit für die freie, eigene Arbeit. Er war einer schweren Krankheit ausgeliefert und der Erinnerung an viel tragisches Ereignen in seiner Familie, das ihn zeitlebens bedrückte. Dabei mag er zu wenig Kraft gefunden haben, an sich selbst zu glauben und an seine große Begabung, die in seiner kultivierten Familie seit vielen Generationen deutlich wurde und die auch seine Schwester geerbt und verwirklicht hat.

Ausstellung der Produzentengalerie L’Art pour Lahr, Obertorstraße 4, Samstag 11 bis15 Uhr, Sonntag 11 bis 13 Uhr und 15 bis 17 Uhr bis 11. März

Autor: Georgis Zwach