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28. Januar 2012

Die Gesichter der Serie

Der Freiburger Reinhold-Schneider-Preisträger Thomas Kitzinger im Museum für Neue Kunst.

Von Lucian Freud heißt es, dass er der letzte große Porträtmaler war. Über Größe wollen wir nicht streiten. Aber der letzte war er nicht. Freud, mit seiner eklatanten Unbarmherzigkeit, nagelte Fleisch an die Wand. Thomas Kitzinger malt auch Porträts. Kitzinger ist auch Verist. Aber ein ganz anderer. Aggression ist nicht, was wir bemerken – was bei ihm provoziert. Aber eine Art von Kälte.

In der Ausstellung im Freiburger Museum für Neue Kunst hängen 39 Porträts, die Kitzinger seit 2008 gemalt hat. In einem Saal, im großen Block übers Eck an zwei Wänden. Frontale Bildnisse, im selben festgelegten Ausschnitt allesamt: Brustbild im hellen Licht, vorm selben Grund, im selben fiktiven T-Shirt. Der Freiburger hat viele Freiburger Gesichter gemalt. Man wird viele wiedererkennen hier in der Stadt. Aber der Maler sucht etwas anderes als den personalisierten Bezug. Er nimmt den Bildnissen die Namen, nennt Geburtsdaten, so als wären es Seriennummern. 25.1.1939; 5.5.1953; 5.2.1950; 5.2.1967. . . Die Gesichter sind ausdruckslos. Wer in ein Gesicht schaut, der deutet es. Sollte man meinen. Thomas Kitzinger dagegen verhält sich deutungsneutral. Er sucht keinen Sinn darin . Er sieht eine Oberfläche mit Einzelheiten. Nasen, Augen, Münder montiert er exakt und emotionslos zusammen. Ein großer Speicher ist die Folge der Bildnisse. Ein Atlas physiognomischer Diversität.

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Flottierendes Interesse

Nicht das unverwechselbare Einzelne ist, was Kitzinger anzieht, vielmehr die Differenz, die sich in der Wiederholung zeigt. Kitzinger ist ein serieller Maler. Selbst Gesichter sieht er in der Serie. Freunde, Ehefrau, Mutter – seine alles Handschriftliche tilgende Malerei auf Metall sagt nichts von Bindung. Da malt in keinem Fall der Freund, der Ehemann oder Sohn. Freundlichkeit ist im Atelier keine Haltung.

Die Ausstellung ist nun die erste, die Freiburg einem seiner Reinhold-Schneider-Preisträger im Museum für Neue Kunst einrichtet. Eingangs rekurriert sie auf eine Schau im Freiburger Kunstverein. Thomas Kitzinger hatte – 1999 – aufgehört, Stillleben zu malen und Symbolismus und Literatur aus seinem Bilddenken ausgeschlossen. Die Teller und Schüsseln, die er schon damals zeigte, irritieren in ihrer Abstraktheit. Die Museumsschau jetzt zeigt die Konsequenz seiner Entwicklung. Ein Maler ist er, der den Betrachter im Ungewissen lässt.

Wir sehen von ihm Agaven und Kakteen, die wie unendliche Säulen wirken, knallbunte Luftballons und Plastiksitzschalen, Schweinsköpfe und Kabelgewirr. Wir meinen dies zu sehen. Doch wenn wir den Dingen Namen geben, irren wir schon. Ja gewiss, irgendein Leitungsmast hat den Maler auf die Idee mit den Kabeln gebracht. Agaven – ja, im Urlaub in Italien kam der Gedanke. Was später daraus entstand, ist etwas anderes: ein synthetisiertes Als-ob. Farbe auf glattem Aluminium. Die so genannten Agaven: gezackte Konturen, dynamische Wölbungen in Giftgrün. Die vermeintlichen Kakteen: fahle Hybride zwischen Natur und Architekturvision. Die Porträtköpfe: Projektionen auf lichtblauem Grund. Die Schweine – so in Szene gesetzt, dass das Bild, dem Sujet zum Trotz, wie Farbfeldmalerei wirkt. Der Draht, an dem die toten Tiere hängen, reißt die Fläche auf wie ein Zip beim Maler Barnett Newman. Das Motiv aus dem Schlachthaus ist neutralisiert. Wie eine Folie losgelöst von seinem realen Hintergrund und allem, was sich malereigeschichtlich damit verbindet.

Und wie damals im Kunstverein schafft Kitzinger mit der Installation seiner Bilder einen autonomen bildräumlichen Kontext. Der Fries der Pariser Metrostühle legt eine Trasse vorbei an dem Environment von Chiharu Shiota, das einen Saal okkupiert und mit dem jede Ausstellung hier irgendwie umgehen muss. So hat noch keine Shiota beiseite geschoben. Im Raum davor massieren sich Kitzingers Ballonbilder zur Mega-Tafel in schrillen konkurrierenden Farben. Nahebei sehen wir die virtuellen Luftballons sich grau entfärben. Die Grisaillen verhalten sich zur Wand so wie die Porträtköpfe zu ihrem leeren Grund.

Auf solche Leerstellen weist Kitzinger mit Vorliebe hin. Der Verist der Bildoberfläche lässt Bilder wie aus dem Nichts entstehen. Ansichten von irritierender Unwirklichkeit. Nichts als Bilder. Wirklichkeit ist die Leerstelle, die sie bezeichnen. Doch Bilder zu generieren, ist Kitzinger eine dauernde Attraktion.

Vor dem schreiend farbigen Dschungel eines seiner Kabelbilder sagt er plötzlich, wie lieb ihm diese Zeit sei. Diese unbegrenzten Möglichkeiten heute. Virtuell steht ja alles offen. Zu keiner andern Zeit hätte einer so viel sehen oder lesen können. Er mag es, wenn auch seine Bilder sich wer weiß wohin entwickeln. Farben, sagt der Präzisionist, setze er fallweise willkürlich, lasse sich gern überraschen. Seine Porträts malt er ohne Bindung und Auswahlsystem. Ein offenes Beziehungsmuster, nicht anders als die Kabel. Einfach viele Gesichter, wie sie in einem Leben vorkommen können. Er wird sie in Serie weiter sammeln. Die Kälte, die uns bei ihm irritiert, die scheinbare Gleichgültigkeit, ist nichts anderes als eine Form von flottierendem Interesse.

Von den Köpfen, die er malt, wird keiner zweimal vorkommen. Einer wie Kitzinger nimmt sich kein Modell und malt es wieder und wieder. Das war einmal. Eine andere Zeit, nicht dieser Maler. – Museum für Neue Kunst, Marienstr. 10 a, Freiburg. Bis 22. April, Dienstag bis Sonntag 10–17 Uhr.

Autor: Volker Bauermeister