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10. März 2016 00:00 Uhr

Freiburger E-Werk

Zeitgenössische Ordnungen des Blicks in "Ways of Looking"

Auf welche Weise die Metapher und Materialität des Fensters unseren Blick prägt, erkundet eine bemerkenswerte Ausstellung im Freiburger E-Werk: "Ways of Looking".

Sind die Lichtverhältnisse günstig und war gerade jemand mit dem Putztuch da, bleibt uns oft nur der Hör- oder Tastsinn, um wahrzunehmen, dass uns eine Scheibe von dem trennt, was wir sehen – und das heißt: kiloweise Glas, geschmolzen aus Quarzsand, Soda und Pottasche. Diese Materialität der Transparenz, eingehegt von der Architektur der Wand oder des Rahmens, bestimmt seit Leon Battista Albertis Definition des Gemäldes als Fenster zur Welt auf stillschweigende Weise unser Verhältnis zum Bild. Kaum sichtbar, schiebt es sich als Interface zwischen uns und die Dinge, wird zum Medium unserer Wahrnehmung, ist gewissermaßen Linse und Screen in einem.

Auf welche Weise die Metapher und Materialität des Fensters unseren Blick prägt, erkundet eine bemerkenswerte Ausstellung im Freiburger E-Werk. "Ways of Looking" versammelt Arbeiten von drei Kunstschaffenden, deren Ansätze kaum unterschiedlicher sein könnten.

Den Auftakt in der Studio-Galerie bildet eine drei Wände füllende Videoarbeit der in Stuttgart aufgewachsenen und seit 2010 in New York lebenden Georgierin Anna K.E.. "Multiple Keyhole" wirkt zunächst wie eine simple Performance-Dokumentation in schlechter Auflösung. Schauplatz ist das Brooklyner Atelier der Künstlerin, in dem sie sich auf einem schmalen Sims vor dem breiten, streng gerasterten Fenster in rhythmisch wechselnden Posen durch das Bild bewegt.

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Schritt für Schritt spielt sie dabei unterschiedliche Möglichkeiten durch, ihre Gliedmaßen mit der Struktur des Fensters zur Deckung zu bringen. Vor dem überbelichteten Hintergrund des Außenraums wirkt das wie ein bizarrer, typografischer Schattentanz, erweist sich zugleich aber als ein metaphorischer Balanceakt auf dem hauchdünnen Grat zwischen Fläche und Raum. Als sie am Ende ins Straucheln gerät, fällt sie in einer wunderbar sinnfälligen Slapstick-Geste aus der Zweidimensionalität des Bildes zurück in die Realität ihres Studios.

Auch der junge Freiburger Jacob Ott greift mit seiner Malerei-Installation "Loggia" das Fensterraster als Ordnungsschema auf, beraubt es jedoch seiner Funktion der Kadrierung der Welt, indem er es zum Motiv erhebt. Zwischen der Abstraktion eines Linienkaros und der Gegenständlichkeit eines Architekturdetails umherirrend, verliert sich der Blick hier im Assoziationsraum vier eng an eng gehängter, diagonal vergitterter Farbfelder. Mit einer zweiten Arbeit, für die Ott statt zum Pinsel zur Maurerkelle gegriffen hat, erweitert er diese Malerei um eine spektakulär ausgeleuchtete Rauminszenierung, die wie eine Hologramm-Version des Bildkonzeptes von "Loggia" wirkt.

In den Installationen des australischen Künstlers Sam Smith schließlich dehnt sich das Bild vollends in Raum und Zeit aus. Ausgehend von einer Recherche zum Einfluss des Kino-Breitwandformats auf die Architektur der Moderne, dem er in der Videoarbeit "The Horizontal Window" nachspürt, überträgt Smith die Idee der Materialisierung des Bildes im Raum in die digitale Gegenwart des 21. Jahrhunderts.

Als Projektionsfläche für seine hypnotische Installation "Slow Fragmentation" dient ihm hier eine terrassenartig in den Raum gebaute Bühnenarchitektur, auf der er wie ein Choreograf aus dem Internet heruntergeladene JPG- und MP4-Dateien von Satellitenbildern, Farbpattern, antiken Büsten und historischen Filmausschnitten in Bewegung versetzt. Mit der klassischen Vorstellung eines Fensters zur Welt hat dieser in Computerframes fragmentierte, dreidimensionale, beständig fließende und rauschende Bildkörper nicht mehr viel zu tun. Doch gerade die scheinbar skulpturale Materialität dieses Bilderstroms entfaltet umso mehr einen Sog ins Reale.

Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk, Eschholzstraße 77; bis 10.4., Do-Fr 17-20 Uhr, Sa 14-20 Uhr, So 14-18 Uhr.

Autor: Dieter Roeschmann