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21. April 2017

Es wallet und siedet

Künstlerische Darstellungen des Rheinfalls von Schaffhausen im Schloss Bonndorf.

  1. Dramatisch bewegte Natur: Bild eines unbekannten Malers (um 1840) in der Schau „Rheinfall“ Foto: Jürg Fausch

Kein Reinfall, dieser "Rheinfall". Angesichts von rund 200 Vernissagegästen der gleichnamigen Ausstellung in Schloss Bonndorf drängt sich das Wortspiel geradezu auf. Selten hatte die Eröffnung einer Kunstschau im Schloss mehr Besucher, auch Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer gab sich als Schirmherrin die Ehre.

Es ist freilich ein dankbares Thema, das Jürgen Glocker, Kulturreferent des Landkreises Waldshut und verantwortlich für das Programm in Schloss Bonndorf, da aufgetan hat. Und kein Zweifel, die Präsentation ist eine Publikumsschau. Als Glocker von der Ausstellung mit Darstellungen des größten Wasserfalls Europas im Mittelrhein-Museum Koblenz 2015 (mit dem man im Schloss dank mehrerer Kooperationen freundschaftlich verbunden ist) Kenntnis erlangte, war für ihn klar, dass er auch in Bonndorf Werke der Sammlung Peter Mettler zeigen würde. Gut 400 Objekte umfasst die Kollektion des Schweizers: Gemälde, Aquarelle, Druckgraphik und Zeichnungen vom 16. Jahrhundert bis zu den 1850er Jahren. Danach begann mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes der Massentourismus und tendierte die künstlerisch anspruchsvolle zur mehr kommerziellen Darstellung.

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"Es wallet und siedet und brauset und zischt", schrieb Goethe 1779 angesichts des Rheinfalls, den er gleich auf drei Reisen besuchte. Lord Byron erlebte das Naturschauspiel als "schauerlich schön", Victor Hugo beschrieb es als "ungeheures Ding"; noch Fontane fühlte sich "durch Reinheit beglückt". Die Singularität des Erlebens fand früh eine Entsprechung im Topos der künstlerischen Undarstellbarkeit, dem freilich eine Vielzahl von Gemälden und Graphiken anschaulich widerspricht. Eine einfache, holzschnittartige Darstellung des Rheinfalls enthielt bereits Sebastian Münsters "Cosmographia" von 1544.

Romantische Nachtstücke

Glocker grenzt seine Auswahl von rund 70 Werken auf den Zeitraum von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein. In dieser Blütezeit der Rheinfall-Darstellungen lässt sich der Wandel in der künstlerischen Landschaftsauffassung gut studieren. Während barocke Darstellungen den Rheinfall gern in weiträumige Landschaftsdarstellungen einbetten – wie noch ein Gemälde von Christian Georg Schütz d. Ä. aus dem Jahr 1761 sowie einige darauf basierende Vergegenwärtigungen –, zoomen sich die Künstler der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts näher an den Wasserfall heran.

In seinem Gemälde von 1785 platziert Johann Jakob Schalch die Staffagefiguren auf dem schmalen Uferstreifen am unteren Bildrand; mit ihnen ist auch der Betrachter unmittelbar mit dem Naturgeschehen konfrontiert. Die dramatisch bewegte Natur mit schäumendem Wasser und malerischer Wolkenformation spiegelt sich in der Bewegtheit der theatralisch gestikulierenden Figuren. Man könnte sich an den Sturm und Drang erinnert fühlen, bei dem ja bereits im Namen innere und äußere Bewegtheit ineinander fließen; jedenfalls aber ans Phänomen des Erhabenen, das in der Philosophie der Zeit zur zentralen ästhetischen Kategorie avanciert.

Romantische Nachtstücke wie Johann Conrad Freytags gouachierte Umrissradierung geben uns den Rheinfall im Mondschein. Im erhöhten Augenpunkt von Johann Jakob Billwillers kolorierter Radierung artikuliert sich als Gegenbewegung zur romantischen Verinnerlichung eine neuerliche emotionale Distanzierung von der äußeren Natur. Im fortschreitenden 19. Jahrhundert schwindet dann der Sinn fürs erhabene Naturschöne; in Carl Friedrich Heinzmanns Lithographie von 1826 tritt der Rheinfall gegenüber der biedermeierlich ausgeführten Alltagsszene in den Hintergrund. Das den Rheinfall beinahe buchstäblich in den Schatten stellende Grandhotel auf dem Hügel über dem Wasser in Johann Jakob Sperlis Aquatinta kündet ebenso von den Anfängen des Massentourismus wie die hölzerne Aussichtsplattform, die sich nicht nur bei Johann Ludwig Bleuler ins Bild schiebt.

Schloss Bonndorf. Bis 2. Juli, Mi bis So 10–12 und 14–17 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz