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14. Juni 2013 00:00 Uhr

Gewölbeschlusssteine

Freiburger Münster: Christus und der Grüne Mann

Informativ und dabei sehr anschaulich: Die Kunsthistorikerin Stephanie Zumbrink hat den 90 Gewölbeschlusssteinen des Freiburger Münsters ein Buch gewidmet.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Man nimmt sie, wenn überhaupt, zwar in der Ferne wahr, damit hat es dann oft schon sein Bewenden. Dass selbst an prominenten Bauwerken Gewölbeschlusssteine in den Fokus einer systematischen Betrachtung rücken, ist keineswegs alltäglich. Stephanie Zumbrink aber widmet sich in dieser Detailstudie den entlegenen und mitunter verborgenen Gewölbeschlusssteinen am Freiburger Münster, von denen es dort nicht weniger als 90 gibt: kleine und große, einfache und kunstvolle. Vor Ort richtet sich unser Blick permanent nach oben. Dabei kann man sich verschätzen: Wer hätte gedacht, dass der Durchmesser des Schlusssteinrings im Mittelschiff stolze 1,70 Meter beträgt? Auch zum Begriff sollte man sich aufklären lassen: Der Schlussstein ist nicht unbedingt der letzte eingesetzte, den Bau vollendende Stein, sondern in ihm laufen die Rippen eines Gewölbes zusammen.

Zumbrink, Kunsthistorikerin und freie Mitarbeiterin des Münsterbauvereins (der als Herausgeber fungiert), gab jedem Schlussstein eine Ordnungszahl. In diesem abstrakten Zahlendickicht den Überblick zu behalten, ist für den Leser jedoch nicht immer einfach. Die beigefügten Grundrisse sollte man griffbereit haben. Das zeitliche Spektrum der Schlusssteine reicht von der romanischen Bauphase gleichsam bis heute. Entstanden ist mit diesem Buch jedenfalls mehr als nur ein Inventarisierungsverzeichnis der am Münster anzutreffenden Schlussstein-Typen. Kundig wird da stets die Deutung einbezogen. Man erfährt allerhand. In Guido Linkes Beitrag über die Schlusssteine im Langhaus beispielsweise die Sache mit dem "Green Man". Was hier allerdings weder mit der Green City noch mit der Partei des aktuellen Oberbürgermeisters zu tun hat. Beim Motiv des Grünen Mannes handelt es sich vielmehr um die Verbindung eines menschlichen (Männer-)Kopfes mit einer Pflanze. Um rätselhafte Mischwesen also.

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Auch Wappen und Heilige finden sich als Motive. Den, wie sie es so schön nennt, "Schlussakkord der Chorarchitektur" vernimmt die Autorin im visuellen Dreiklang von Münsterpatronin, Landesherr und Stadt. Die Originale dieser drei chorischen Gewölbedeckel sind seit 1956 im Augustinermuseum. Was man heute an deren Stelle im Münster sieht, sind – hätten Sie’s gewusst? – Polyesterabgüsse. Chorumgang und Kapellenkranz haben kein einheitliches Figurenprogramm. Hier hat das Individuelle Vorrang. Überhaupt erstaunlich im Münster ist das Nebeneinander: Christussymbole, Halbmenschliches, Pflanzenformen. Im Chor inszenierten sich die Stifter. Im Buch bleibt auch die Kunstkritik nicht außen vor – so beim Verweis auf das "etwas unförmig geratene Christuskind" beim arg gedrängt wirkenden Schlussstein 76 im Umgang neben der Sakristei. Ein Schlussstein nach dem anderen, die einst wohl alle farbig waren, wird vorgestellt. Von sämtlichen Exemplaren (toller Service!) bietet das Buch ein Foto aus der Nähe.

Primär vereint der im Freiburger Rombach Verlag erschienene Band Glaubens- und Repräsentationszeugnisse vergangener Zeiten, die längst Teil des Münsters geworden sind. Womöglich wurde durchs Loch in einem Schlussstein eine Christusstatue am Himmelfahrtstag nach oben gezogen – Theologie braucht bisweilen eben Versinnlichung. Ein informatives und dabei sehr anschauliches Buch, das mehr als nur eine Fußnote der Münsterarchitektur zum Gegenstand hat. Zu den Fachbegriffen wäre ein kleines Glossar hilfreich gewesen.
– Buch: Stephanie Zumbrink: Freiburger Münster. Gewölbeschlusssteine. Vielfalt – Pracht – Funktion. Hg. vom Freiburger Münsterbauverein (Schriftenreihe Münsterbauverein, Bd. 3). Rombach Verlag, Freiburg 2013. 102 Seiten, 15,90 Euro. Präsentation: Samstag, 15. Juni, um 11.30 Uhr im Parlersaal des Münsterbauvereins (Schoferstr. 4).

Autor: Johannes Adam