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08. Februar 2012
Kippfigur und Trampolin
"Grenzwerte": Medienkunst am Oberrhein in einer Ausstellung im Freiburger E-Werk.
Der leitende Gedanke war das Crossover von Kunstgattungen, die offene Form. Medienkunst bietet die aktuelle Ausstellung im Freiburger E-Werk – aber weniger in ihrer puristischen Form in Gestalt bewegter, an die Wand projizierter oder über Fernsehmonitore flimmernder Bilder (die gibt es auch, etwa in einer im Foyer laufenden Endlosschleife von Videoarbeiten verschiedener Künstler). Sondern eingebettet in größere Zusammenhänge, als Bestandteil hybrider Bildungen – etwa von Installationen, in denen sich künstlerische Genres (Video, Malerei, Zeichnung, Objektkunst usw.) vermischen.
Man könnte die Schau als erweiterte Preisträgerausstellung des Oberrheinischen Medien-Kunstpreises bezeichnen. Alle teilnehmenden Künstler waren im engeren Auswahlverfahren oder gehören – wie Marco Schuler – zu den Trägern der Auszeichnung. Schulers Installation aus Videos, Ölbildern und einem Objektkunstwerk füllt das Studio im Erdgeschoss weitgehend allein. Seine beiden Videos "Blockbuster 1 und 2" vergegenwärtigen metaphorisch eine Situation von existentieller Dringlichkeit. In der ersten Arbeit zwängt sich der Künstler mühevoll in ein turmartiges, enges Gehäuse aus zwei aufeinander gesetzten Styroporhüllen. Im zweiten kann er sich aus dem selbst gewählten Gefängnis nur wieder befreien, indem er es von innen heraus zerstört.
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Man könnte den Vorgang als metaphorische Sprengung einengender Denk- und Vorstellungsschemata lesen. Entsprechend kehrt in den beiden expressiven Figuren der Ölbilder die Gesichtsform des Riesen in der Zwergenmütze auf den Kopf gestellt als Kippfigur wieder. "Muti", ein raumgreifendes Objekt aus schwarzem Gummi, lässt in zwei kreisrunden Ausschnitten an ein Augenpaar denken und weckt mittelbar die Assoziation einer "Weltanschauung" im Wortsinn.
Verkleidung und exzentrische Kostümierung sind Mittel auch bei Hansjörg Palm. Sein Videopoem "nightdrive" bildet das Entree zu den Räumen im Untergeschoss. Es erzählt von der Reise eines Mannes durch die Nacht, deren filmische Requisiten – Damenschuhe, ein Mantel oder ein barocker Bilderrahmen – eine Wand des Raums überziehen. Für die sprachlichen Anteile des surrealen Roadmovies zeichnet der Basler Lyriker Ruedi Bind verantwortlich. Er hat die gegenüberliegende Wand mit Schriftzügen und Textsplittern in Graphit überzogen. In nächtliches Dunkel führt auch Eva Schmeckenbechers wunderbarer kleiner Zeichentrickfilm "Gebannt". Als Strichfigur erkundet die Künstlerin ein finsteres Kellerverlies – und rettet sich, von unheimlichen Gestalten verfolgt, durch einen Sprung auf die ins Freie führende Treppe. Schmeckenbechers teils in situ geschaffene Zeichnungen und die multimediale Installation, in die sie eingebettet sind, balancieren auf der Grenzlinie zwischen Kunst und Realität .
Mit der Kunst an der Wirklichkeit anzudocken, sucht in ihrer interaktiven Installation "3 Schaukeln" auch Irene Schüller. Die Wippen mit unmöglicher Statik, die zu allem Überfluss auf Rollen montiert sind, laden zu akrobatischen Schaukelfahrten und Kollisionen ein – flackernd beschienen durchs Lagerfeuer von Schüllers an die Pfeiler der Halle projiziertem Video "Verknotungen", für das sie den Medien-Kunstpreis 2011 erhielt. Der kurze Film zeigt sechs zu einem Kreis vereinte Frauen, deren Beine sich im Zeitraffer in immer neuen Verschlingungen zusammenlegen.
Bewegung ist auch Stefanie Gerhardts Thema: nicht nur in dem farbenfrohen Video "Puls" mit von oben gefilmten, auf einem Trampolin hüpfenden Mädchen, sondern auch in der Kreidezeichnung "Chiara", in der sich die Konturen der jungen, aus dem Bild sprintenden Frau im Sauseschritt bildlich auflösen.
– E-Werk, Eschholzstr. 77, Freiburg. Bis 4. März, Do bis Sa 17–21 Uhr, So 11–17 Uhr.
Autor: Hans-Dieter Fronz
