Krapfen zum Wein

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Mo, 05. März 2018

Ausstellungen

"2 Berliner": Malerei von Igor Bleischwitz und Adriana Donner ist im T66 Kulturwerk in Freiburg zu sehen.

Das Landschaftsbild als Farbfeldmalerei? In Igor Bleischwitz’ Bildserie "Deutsche Landschaften" in Öl erinnert allenfalls die Aufteilung des Bildfelds in waagrechte Farbstreifen, die an ihren Begrenzungen die Horizontlinie evozieren, an die traditionsreiche Bildgattung. Anders Adriana Donners dunkeltoniges großformatiges Gemälde in Acryl, das sich auf den ersten Blick als stimmungsvoll verfremdete Landschaft zu erkennen gibt.

In der Reihe "curator’s choice" des T66 Kulturwerks in Freiburg stellt Dietrich Schön mit Igor Bleischwitz und Adriana Donner "2 Berliner" vor, so der Titel der Schau. Natürlich gab es bei der Eröffnung Krapfen zum Wein; so kurz nach Fasching lag das kulinarische Wortspiel nahe. Anders als Igor Bleischwitz ist Adriana Donner in Berlin geboren, wo sie nach einer längeren Zeit in Bulgarien heute wieder lebt, während Bleischwitz aus Kasachstan stammt. Beide Künstler haben in Freiburg an der Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik bei Dietrich Schön Malerei studiert.

Igor Bleischwitz’ Landschaften in Öl sind unsichtbar; durch Übermalung hat sie der Künstler unserem Blick entzogen. Dasselbe Verfahren wendet er auf seine kleinformatigen Porträts an. Für die sitzen ihm Menschen, die er auf der Straße anspricht, Modell. Selten sind hier und da noch flüchtige Gesichtspartien zu erkennen: zwei Lippen, eine Hautpartie, der Ausschnitt eines Tattoos. Die Anmutung dieser minimalistischen Gesichtsfragmente ist frappierend; man möchte von einem extremistisch zugespitzten Bacon sprechen. Lugt dich gesichtslos ein Auge an... Freilich stützt sich die Beobachtung auf den Katalog, der andere Bilder der Serie als die in Freiburg gezeigten bietet. In letzteren fehlen die Horrorpartien – man müsste sie denn mit der Lupe suchen.

Mit den das Gesicht verdeckenden horizontalen Farbstreifen in Himmelblau, Rosa oder Violett wecken die Bilder ihrerseits die Assoziation von Landschaften. Die Wahl der Farben soll dabei dem Charakter der jeweiligen porträtierten Person entsprechen. Öfter brechen diagonale Farbsetzungen die meditative Ruhe der gleichförmigen Farbfelder auf, durchqueren oder -schießen sie wie Vogel- oder Düsenflug. So gesehen, offenbart sich Igor Bleischwitz’ Glaubenssatz "Die Kunst wird siegen" als Bekenntnis zur Autonomie der Malerei.

"Joel" von Adriana Donner ist kein Porträt. Dafür ist die in legerer Sommerkleidung von oben rechts ins Bild schreitende Figur zu wenig bildbestimmend – mehr ein figürlicher Rettungsanker der in informelle Farbnebel zerfließenden Formen des Bilds. Joel geht im Licht der Sonne, sein Schatten fällt dunkel in den Bildvordergrund. Wie um der Auflösung der Bildszene in eine Farbsinfonie zu wehren, sind die Konturen des Schreitenden durch andersfarbige pastose Farblinien festgehalten. Ähnlich verhält es sich in der Szene einer Gasse in "Venedig", die die Tendenz zeigt, psychedelisch zu zerfließen. Auch hier behaupten sich die Figuren und Dinge dank einer Schutzhülle gleichsam zeichnerisch gemalter Konturlinien.

T66, Talstr. 66, Freiburg. Bis 17. März,
Do bis Sa 14–18 Uhr.