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26. Juni 2012
Baden-Baden
Léger und Laurens im Museum Frieder Burda: Harfe und Akkordeon
Fernand Léger und Henri Laurens im Museum Frieder Burda.
Fernand Léger (1881–1955) und Henri Laurens (1885–1954). Die Lebensspanne der beiden Franzosen deckt sich beinah. Doch was soll der subtile Formplastiker Laurens mit dem lauten Léger zu tun haben, dem erklärten Freund der Simplifikation, der sich gern als Künstler fürs "breite Publikum" betrachtete? Im Museum Frieder Burda stellt Kurator Jean-Louis Prat die beiden im Tête-à-Tête einander gegenüber. Freunde seien sie gewesen, gegenseitig geschätzt hätten sie sich.
Was sich gleich mächtig aufdrängt, ist Légers "Composition aux deux perroquets", mit ihren fast zwanzig Quadratmetern Formstärke, ihrem menschenfigürlichen Turmbau. Vis-à-vis prangt die Leinwand der "Landpartie" und da wieder leuchten die "Drei Schwestern". Geschwister sind sie ja alle, die Léger malt, so sicher wie sie keine Individuen sind. Nichts als Figuren sind sie. Anonyme Helden des Alltags. So einfach geschnitten sind die "Zwei Schwestern" von Henri Laurens in der Tat nicht, die "Große Musikerin" nicht, nicht die "Négresse". . . Aber auf ihre Weise auch Formereignis. Und nicht weniger Lebensfeier als die großtönenden Menschengestalten Légers.
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Am Ende dann, oben im Oberlichtsaal des Museums, greift die Ausstellung in der Geschichte der Künstlerbegegnung weiter zurück. Der Kubismus ist die Formschule beider. Er lässt sie den Bildstoff primär als Bildform ansehen. Laurens konstruiert seine Gegenstände aus einzelnen Teilen, Hölzern und Blech – nicht ruhig geschlossene Körper sind die frühe "Frau mit der Mantille" und die "Traubenschale". Der Dynamismus ist dem Légers nicht unverwandt, den Formstaffeln, den "Contraste de formes", die den schnellen Rhythmus des technischen Zeitalters aufzeichnen. Léger erklärt seiner Zeit seine Liebe. Die Menschen, die er malt, montiert er aus Gliedern, ordnet sie einfach den Dingen zu: eine Frau der Form einer Vase, eine "Badende" einem Baumstumpf, ihr Haar der Kaskade eines Badetuchs. Konsequenz eines Formdenkens, das die kubistische Setzung von Formzeichen voraussetzt. In Henri Laurens’ Kunstfiguren feiert es noch späte freiheitliche Triumphe.
Im Lauf der 30er Jahre entfernt sich Laurens dabei immer weiter von den Schnittkanten, den Fugen der kubistischen Montage. Er lässt seine Figuren rund und flüssig werden, verbindet sie der Erde und dem Wasser. Nicht bloß "Badende" sind das, keine Menschentypen im Freizeitdress wie bei Léger.
Alberto Giacometti, der Bildhauerkollege, widmet Laurens einmal einen Text, in dem er – wie könnte es bei ihm auch anders sein! – sein Schreiben als einen am Ende vergeblichen Versuch einer Annäherung beschreibt. Giacometti sieht Laurens von sich aus. "Ein Arm ist immens wie die Milchstraße", sagt er. Laurens drückt sein Staunen in seiner Arbeit milder aus. Er spricht nicht von Fremdheit, sondern von Freiheit. Wo er einen langen Arm braucht, da lässt er ihn nicht enden. Brüste können ihm mal zu Erbsen verkümmern, Schenkel sich aber dafür zu enormen gebirgigen Stillleben aufwerfen. Er sucht, wie er sagt, die "Reife der Formen". Aber das Andere auch: noch immer – in der Durchdringung durch die Figur – den unermesslichen Raum.
Bei ihm ist das skulpturale In-den-Raum-Greifen aber Naturereignis. Sein Bauen nähert sich im Bildeindruck dem Wachsen an, so wie der Umriss dem Fluss. Der schönen neuen Welt der Arbeit und der Freizeit, der Léger huldigt, setzt Laurens noch einmal ein naturhaftes Werden, die Formvision eines uranfänglichen Goldenen Zeitalters entgegen. Légers Glücksgedanke ist prosaisch. Dass Menschen schlicht sein können, was sie sind – so wie die Dinge. Das sagt er. Die drei nackten Schwestern malt er in der Art – und untermalt ihr wunschloses Glück mit einem Akkordeonspieler. Das will Laurens nicht so einfach sehen. Auch die Musik sieht bei ihm anders aus. Seine "Grande Musicienne" ist selbst ein voluminöser Formklang – "Frau Musik", der sich die Harfensaiten zwischen Kopf und Armbeuge spannen.
Für Laurens ist Menschenglück ein Mythos, den er in Mythenfiguren wie der die Musik verkörpernden "Musicienne" darstellt. In den Sirenen, den Okeaniden, die wie diese "Musikerin" in ihrem Element sind – Schwestern des Wassers. "Schicksallos" nennt der Kunsthistoriker Werner Hofmann die Frauen Laurens’. Diese Bäuche, diese Wellen, diese Volumen. So ohne Persönlichkeit, ohne Geschichte "schicksallos" sind die hart verdinglichten Figuren Légers ja aber auch. Er malt sie wie einer, der eigentlich Plastiker sein will. Der mit ihrer plastischen Qualität ihren Anspruch auf Realität erklärt. Laurens dementgegen entrückt seine real plastischen Formgeschöpfe in einen Raum des mythisch Imaginären.
"Man macht einfach Kunst, und das genügt", sagt er. Und durchdenkt die alten Symbole formal neu. "Der Herbst" ist bei ihm natürlich auch eine Frau, mit den schwellenden Raumknotengebilden von Ober- und Unterschenkeln, Kopf, Brüsten und Armen. Ein Bild der "Reife der Formen", das der präzise Interpret Hofmann in seiner Ambivalenz erfasst. "Ein Glückliches, das fällt", schreibt er. In seiner prallen Überfülle scheint schon ein Ende voraus. Als Bild der Erfüllung den Herbst zu denken – undenkbar für Léger. Die plastische Stärke der Laurens’schen Figur wird ihn beeindruckt haben, aber wer an Selbstbestimmung, an Fortschritt, an Zukunft glaubt, wie er, dem kann die mit dem Herbst verknüpfte Stimmung nur gegen den Sinn sein. Vergänglichkeit kennt Léger nicht. Lebensbejaher aber sind sie beide.
– Museum Frieder Burda, Baden-Baden. Bis 4. November, Di bis So 10–18 Uhr.
Autor: Volker Bauermeister



