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31. Mai 2010

Mosaik in Blau, feine Gewebe

Inge Dick und Günter Walter in der Freiburger Galerie artopoi.

Eine Entdeckung ist Günter Walter zweifelsohne. Wer bereits die Achtung eines Eugen Gomringer gewonnen hat, des Doyens der Konkreten Kunst, ist auch in der "neuen" Galerie artopoi gut aufgehoben. Seit Jahrzehnten fertigt der aus Fürth stammende Freiburger Kunstlehrer Günter Walter mit mehr als zwei Dutzend Farbstiften Raster und Parallelstrukturen von höchster Akkuratesse. Hauchfeine Linien wechseln im Verlauf in kalkulierten Intervallen ihre Farbe oder geben Aussparungen frei, die auf Distanz wie hauchzarte Lichtblöcke wirken.

In anderen Bildern entsteht der Eindruck luzider grüner Diagonalen oder es changieren bei längerem Hinsehen transparente Rautenmuster durch das eng vernetzte Liniengeflecht. Überhaupt nahe liegend, der Eindruck textiler, eng geflochtener Gewebe. Akribische Arbeit und kalkulierte Systematik liegen Walters feinen Farbzeichnungen zugrunde, die mit der Modulation eng verwandter Farbfamilien spielen und mit den Prinzipien von Gliederung, Teilung und Kombination. Bei den grauen Horizontalstrukturen kommt die wechselnde Distanz der durchlaufenden Striche hinzu, die Walter mit selbst angefertigten Linealen und Schablonen aufträgt. Am Gelungensten erscheinen jene auf äußerste Kargheit reduzierten Zeichnungen, die der Gesamtstruktur viel Luft zum Atmen lassen.

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Lebendig sind seine minuziösen Arbeiten immer. Und sie korrespondieren bestens mit den sechs Bildern von Inge Dick – in Helmut Alberts Galerie eine alte Bekannte. Auch ihren farbintensiven Arbeiten dient das Quadrat als Grundmodul – was bei der hier gezeigten Kunstrichtung keineswegs verwundert. Unorthodox sind vielmehr ihr Ausgangspunkt in der sichtbaren Welt und ihre fotografische Technik. In ihrer Reihe "bleu du ciel" vergrößert sie Ausschnitte des abgelichteten Himmels zu quadratischen Pixeln von mehreren Zentimetern. Der Eindruck eines gleichmäßig intensiven Dunkelblau differenziert sich beim Näherkommen in vielfältige Nuancen, selbst violette Felder tauchen auf. Das Auge findet keinen Ruhepunkt, gleitet haltlos über das vielflächige Blauspektrum wie über ein Mosaik. Auch der Eindruck abstrakter Glasfenster liegt nahe. Das Essenzielle von Licht und Farbe ist Dicks liebstes Thema – auch bei den kleinen quadratischen Spachtelflächen, auf denen das Licht sich wie auf Schuppen bricht. Als versuche sie, es zu fangen.

Eine gute Wahl: Inge Dick wurde eben gerade mit dem zweiten André-Evard-Preis der Messmer Foundation in Riegel geehrt. Wenn sich die Welt digital verunklart und zugleich vielschichtig wird, liegt die Frage nach dem Wesen der Dinge nahe, die von anderen Künstlern ihres Genres in rein mathematischer Weise beantwortet wird. Inge Dick hingegen will nicht lassen von der (digital verfremdeten) sichtbaren Welt. Milchig grau ist etwa ihr Himmel über Griechenland in der Galerie artopoi. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Hier geht es nur um Licht und Farbe.
– Galerie artopoi, Helmut Albert, Baslerstr. 11, Freiburg. Bis 19. Juni, Mi bis Fr 15–19 Uhr, Sa, So 12–15 Uhr .

Autor: Stefan Tolksdorf