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23. Februar 2012
Museum Tinguely
Edward und Nancy Kienholz’ moralische Kunst
Rebellisch und provokant ist die Kunst des US-Künstlerpaars Edward Kienholz und Nancy Reddin Kienholz. Ihre Themen: Religion, Krieg, Tod, Sex und die Abgründe der Gesellschaft.
Nicht dass Nancy Kienholz an der Zurechnungsfähigkeit des Publikums zweifeln würde. Aber so richtig fassen konnte sie es dann trotzdem nicht, als am Sonntag das Internet-Wahllokal schloss. Zwei Wochen vor Eröffnung der großen Werkschau des 1994 verstorbenen Amerikaners Edward Kienholz in Basel hatten sie selbst und das Museum Tinguely die Bevölkerung im Netz um Stimmabgabe gebeten. "Sind Sie zufrieden mit Ihrer Regierung?", lautete die knappe Frage. Eine Routinesache. Bislang startete noch jede große Kienholz-Ausstellung mit diesem Vorspiel in Sachen direkter Demokratie. Und immer gab es zur Antwort ein grimmiges "Nein!" – außer bei den Baslern: Die stimmten mit "Ja". Jetzt hat die Ausstellung ein Problem.
Tatsächlich ist diese Umfrageaktion nämlich nicht nur Ausstellungsprolog, sondern Teil einer riesigen Installation, die derzeit im schummrigen Hauptsaal des Museums wie eine Jahrmarktorgel vor sich hin scheppert. "The Ozymandias Parade" von 1985 entwirft auf spiegelnder Varieté-Bühne eine Art szenische Karikatur der am eigenen Größenwahn scheiternden Staatsgewalt. Ein irrer Präsident hängt hier – das Spielzeugschwert zum Kampf gezückt – kopfüber am Bauch eines bockenden Schimmels, gefolgt von seinem Vize, der auf einem enthaupteten Pferdekadaver in die falsche Richtung reitet. Die halb verhungerte Frau schließlich, auf der ein gesichtsloser General die Peitsche schwingt, komplettiert die Horror-Parade als symbolische Inkarnation des geschundenen Volkes. Es ist eine apokalyptische Monumentalmetapher auf die Macht, die Eitelkeit und das destruktive Treiben der politischen Klasse, die Edward und Nancy Kienholz hier zusammengeschraubt haben. Ein guter Ort, auch das Publikum zu Wort kommen zu lassen, dachte sich die Witwe Nancy Kienholz. In der Regel funktioniert das prima. Noch in der Frankfurter Schirn, wo die Schau zu sehen war, verklebte – auf Packband gekritzelt – ein empörtes "No!" die Münder der Herrscherpuppen. Dass in Basel daraus nun ein "Yes!" wurde, offenbart auf überraschende Weise die Schwäche dieser Arbeit: So humorvoll und plakativ sie sich in grellem Agit-Populismus ergeht, so ernsthaft und selbstverständlich rechnet sie nämlich zugleich mit der Meinungskomplizenschaft des Publikums.
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Bleibt diese aus – und sei es nur aus Widerwillen gegen eine Rhetorik, die sich zugunsten größerer Nähe zum Volk jeder Komplexität verweigert –, gerät die Empörungsmaschine ins Stocken. Und selbst das Einverständnis mit Kienholz’ Haltung macht es nicht besser: An der Kritik von Vetternwirtschaft, Doppelmoral oder der Arroganz der Macht scheiden sich die Geister schon lange nicht mehr. Sie ist Konsens, zu Recht. Das aber bleibt nicht ohne Folgen für die Kunst: Die Tableaus von Edward und Nancy Kienholz sind in die Jahre gekommen. Auch wenn die Probleme, die sie verhandeln, nach wie vor aktuell sind: Ihr provokatives Potenzial, das zeigt die Basler Schau, hat sich erschöpft. Was stattdessen umso deutlicher zu Tage tritt, ist das bemerkenswert eindimensionale Gerüst politischer und moralischer Überzeugungen, um die sich das Werk von Edward und Nancy Kienholz seit den frühen siebziger Jahren organisiert.
Das Paar hatte sich 1972 kennengelernt und arbeitete seither zusammen. Die Idee, aus gefundenen Materialien bühnenbildhafte Rauminstallationen zu bauen, hatte Edward Kienholz jedoch bereits Ende der 1950er Jahre entwickelt. Wenig später entstanden erste "Concept Tableaus", unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Basler Jean Tinguely: Die beiden Künstler dachten sich ein Setting aus – zum Beispiel zum Mythos der amerikanischen Landschaft ("The American Trip", 1966) –, brachten es als Konzept in Umlauf und warteten dann auf Sammler, die bereit waren, die Realisierung zu finanzieren – meist jedoch ohne Erfolg. Schlagartig berühmt machten den 1927 geborenen Autodidakten Kienholz dann seine drastischen Polit-Tableaus, die er seit Mitte der Sechziger mit den Biedermännern und Wiedergängern des amerikanischen Traums bevölkerte. Den Stoff dazu lieferten ihm die Abendnachrichten: Krieg, Rassismus, Sexismus, Zensur. Die "Moral Majority" tobte – und pilgerte dennoch massenhaft in seine Ausstellungen. Es war die Geburt einer zutiefst moralischen Kunst, die aus dem Clash von Privatheit und Öffentlichkeit, von Wohnzimmer und Schlachtfeld einen Kunstskandal nach dem anderen produzierte. Ihr messianischer Furor und ihre Überwältigungsrhetorik leben bis heute in den Arbeiten von Künstlern wie Thomas Hirschhorn oder dem 2010 verstorbenen Christoph Schlingensief fort.
Das Werk von Edward und Nancy Kienholz hingegen ist mittlerweile zum Stillstand gekommen. Eine der letzten Installationen der beiden entstand kurz vor Edwards Tod 1994: "76 J.C.s", eine Ansammlung von aus Leiterwagendeichseln, Puppengliedern und gefundenen Jesusbildern montierten Wandkreuzen. Das Andachtsbild eröffnet die Basler Schau, und auch der Weg zum Ausgang führt wieder daran vorbei. Es ist, als ob dieses altersmilde Werk hier noch einmal der Wut einen spirituellen Rahmen geben soll, die Edward und Nancy Kienholz in ihr Panoptikum der onanierenden Politiker, korrupten Präsidenten und zu Spielobjekten degradierten Frauen investierten. Tatsächlich aber mutiert die Ausstellung dadurch zu einer Art Zeitkapsel, die den rebellischen Zeitgeist der Siebziger wie ein Bernstein umschließt. Der Kontakt zur Gegenwart ist abgerissen.
– Museum Tinguely, Paul-Sacher-Anlage 1, Basel. Bis 13. Mai, Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr.
Autor: Dietrich Roeschmann
