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30. Januar 2012
Ausstellung in Riehen
Pierre Bonnard bei Beyeler: Wagnis und Wunder
Malt er, wenn er im Sichtbaren schwelgt, nicht auch die Unverfügbarkeit der Welt? Die Fondation Beyeler zeigt, wie der Maler Pierre Bonnard das Glück erfand.
Matisse grüßt Bonnard. "Vive la peinture!" Die Postkarte hätte auch Bonnard an Matisse schreiben können. Es lebe die Malerei! Da waren die beiden sich einig. Als dann nach dem Tod Bonnards, 1947, Christian Zervos in den Cahiers d’Art die Frage "War Bonnard ein großer Maler?" mit einem Nein beantwortete, da widersprach Matisse heftig. Doch brauchte es für viele Zeit, so zu sehen wie er. Zu sehen, dass Pierre Bonnard mehr als ein Schönmaler war. Auch der Sammler Ernst Beyeler brauchte wohl Bedenkzeit. Erst spät kam ein Bonnard in seine Sammlung.
Das Stillleben aus dem Jahr 1940, "Le Dessert", ist eine Feier des Sonnengelb, mit sonorem Rot und einem unvermittelten blassen Blau. Man spricht gleich von Farben, von Malerei statt Dingen. Man sieht einen Tisch und dass er mit Früchten gedeckt ist. Doch auch, dass Bonnard weit entfernt ist vom Beschreiben. Dass Sehen für ihn nicht einfach Wiedererkennen und Benennen bedeutet. "Das zu zeigen, was man mit einem Mal sieht, wenn man unversehens einen Raum betritt" – darum gehe es, sagt er.
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So taucht das Auge ins Sichtbare ein. Bonnard weiß um den Kunstcharakter des Bildes, und wendet sich doch von seiner postimpressionistischen Basis wieder dem Impressionismus zu – um dessen Sehschule neu zu durchdenken. In der Einbahnstraße der Stile bewegt er sich der angezeigten Richtung entgegen. Fauvismus, Kubismus finden ohne ihn statt.
Beyeler-Kurator Ulf Küster zeigt ihn in der Fondation nicht chronologisch, sondern in Themenräumen – den Maler in seiner Motivwelt. Bevor er sich endgültig an die Esstische und Badewannen, die Fenster-, Terrassen- und Gartenblicke bindet, tritt er uns als Porträtist der Großstadt – der Pariser Plätze und Boulevards entgegen. Mal schaut er aus dem Fenster steil von oben, mal will es scheinen, als sitze er unter der Markise einer Brasserie. Auf der Place Clichy gehen Menschen vorüber. Er fixiert sie kaum, zentriert sein Blickfeld nicht. So einen offenen Ereignisraum kennt er von den japanischen Holzschnitten, Bildern einer "fließenden Welt". Und er lenkt den selben wandernden Blick dann auch auf die stillstehenden Dinge, die Gärten, die Natur.
Von Paris bewegt er sich weg in die Normandie. Wo Giverny und Monet nicht weit sind und das eigene Haus in Vernon und die Ausblicke dort malerisch so gut wie unerschöpflich. In "La salle à manger", Ulf Küsters zweitem Raum im imaginären Bonnardhaus, fließen Interieur und Stillleben und Porträt im dauernden farbkünstlerischen Umkreisen in eins. Das Tischtuch, weiß oder kariert, wird zur Place Clichy, auf der Teller, Schüssel und Kaffeekanne flanieren und sich begegnen. Im Geflecht der Farben sind die Menschen manchmal nur belebende Schatten. Doch schließt das sehnsüchtig suchende Auge Bonnards sich auch im Körper der Frau einen Raum auf.
In "L’Homme et la Femme" setzt Bonnard (1900) sich selbst und die Lebensgefährtin Marthe in Szene. Edvard Munch und sein Symbolismus sind gegenwärtig in diesem Bühnenstück eines entzweiten Paars. Zwischen Mann und Marthe teilt ein Wandschirm den Raum. Die Nackte da auf dem Bett ist sich sichtlich selbst genug. Eine fatale Ungereimtheit, von der Bonnard nie wieder so spricht. Aber malt er, wenn er im Sichtbaren schwelgt, nicht auch die Unverfügbarkeit der Welt und sich selbst dabei als Ausgeschlossenen?
"Der singt, ist nicht immer glücklich", notiert er. Erfundenes Glück ist seine Malerei. Er hält es mit den Lerchen, so wie sie der bilderkundige Schriftsteller Erhart Kästner verstand. "Sie übten die uralte Übung, sich durch Lied am Leben zu halten, durch Loblied."
Bonnard sieht der Frau an seiner Seite zu. Marthe bei ihren Baderitualen. Das Bad war ein Hauptraum in beider Leben und ist es unter den Räumen der Ausstellung wieder. In "La Source" spiegelt die gemalte Wand den Lichtton der Haut. In den großen Bildern der Badenden wird die Wanne zum Nimbus. Marthe schwimmt am Ende in den Farben. Eine 60-Jährige, aber man sieht es nicht. Alterslos ist sie. Sie könnte auch tot sein. Eine Ophelia. Aber die Farben leben. So malt einer Liebe. Es ist nicht die zu dieser Frau. Es ist die zur Malerei. Die Malerei ist seine Liebe.
Und alles wird Malerei. Das Sofa, die Gardine, ein Knäuel abgelegter Textilien, die gemauerte oder geflieste Wand. Der Boden des Badezimmers, der wie ein von Sonnenlicht überfluteter Himmel wirkt. Das Fenster in gleißendem Weiß. Ein jedes ist ein Bild für sich. Bilder über Bilder, die sich locker zum Bild verknüpfen. Bild der Bilder. Dieser malende Poet von nackter Haut, gedeckten Tischen und wucherndem Gartengrün sucht etwas, das uns ganz zwanglos ungefügt und ungeschlossen vorkommt. Viel wagt, wer Bilder so weitet, so auseinander malt. Öffnung betreibt Bonnard, wenn er die perspektivische Einheit aufgibt, wenn er die Grenzen des Malgrunds überspielt und den Dingen divergierende Farbmuster findet. Wenn er Spiegelbilder einbindet, wenn er im Blick aus dem Fenster den Außenraum einholt, so als wäre es eines – außen und innen. Wie Matisse liebt er Zimmer mit Aussicht. Nichts anderes sind seine Terrassen.
In "La Grande Terrasse", die auch "Der wilde Garten" heißt, gleitet er vom einen zum andern und in die Natur. Viele Bilder – Figur, Landschaft und Stillleben – vereint auch "La Terrasse à Vernon", wo das Violett des großen Baumstamms noch in der weiten Ebene der Seine widerscheint. Und als sich das Leben an die Côte d’Azur verlagert – als er in Le Cannet bei Cannes ein Haus erwirbt für Marthe und sich, lobt er das große, offene Ineinander der Räume und Dinge im südlichen Licht. Der Maler singt seiner Villa "Le Bosquet" ein Loblied, die Fenster sind ihm so unverzichtbar wie Marthe das tägliche Bad.
Im Licht seiner Bilder ihn selbst zu sehen, wäre aber eben ein Trugschluss. "Es wird mir erst wohl werden unter den Kohlköpfen", sagt der Mann, der auf seinen späten Selbstporträts unsagbar traurig scheint und auf einem – dem "Boxer" – unerklärlich entstellt. Le Cannet ist seine Fiktion. Die Harmonie, die Freiheit, die Leichtigkeit sind seine Idee. Keiner vermag so wie er zu malen, als würde das Handgelenk entscheiden. Ölfarbe wird ihm zu schimmerndem farbigem Wasser. Oft entstehen Bilder langsam über Jahre hin. Am Ende sehen sie aus, als wären sie ihm an einem glücklichen Tag eingefallen. Als Wunder vom Himmel gefallen. Und keine Arbeit.
– Fondation Beyeler, Riehen/Basel. Bis 13. Mai, tägl. 10–18, Mi bis 20 Uhr.
Autor: Volker Bauermeister
