Ausstellung "Für die Ewigkeit" im Freiburger Kunstraum Alexander Bürkle

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Fr, 13. Oktober 2017

Ausstellungen

Die Schau im Kunstraum Alexander Bürkle untersucht das Archiv als künstlerische Organisationsform.

In Denis Villeneuves Neuverfilmung des Kinoklassikers "Blade Runner" steigt Ryan Gosling in der Rolle des Officer K. in die Keller des Los Angeles Police Department hinab, um die Identität eines gesuchten Replikanten zu überprüfen. Was ihn dort erwartet, ist das Gedächtnis der Welt, fein säuberlich abgelegt in einer unübersehbare Schranklandschaft. Allein die ins Unendliche strebende Architektur dieses Interieurs verrät, dass es sich um ein Archiv handeln muss – einen Ort, an dem historische, kulturelle, politische oder technische Dokumente sicher und ordentlich aufbewahrt werden, um den Menschen in jeder künftigen Gegenwart zu ermöglichen, sich ein Bild von der Vergangenheit zu machen. Archive sind Orte der organisierten Erinnerung. Und Erinnerung ist das, was wir aus den gesammelten Dokumenten als Geschichte rekonstruieren – zumindest sofern diese wegen fehlender Speicherkapazitäten, akutem Relevanzverfall oder – wie in "Blade Runner" – aufgrund programmierter Maximalhaltbarkeit nicht ständig wieder gelöscht werden.

Ein in seiner virtuellen Größe, aber offenkundigen Endlichkeit durchaus vergleichbares Archiv steht derzeit in der Ausstellung "Für die Ewigkeit", die im Freiburger Kunstraum Alexander Bürkle Strategien des Sammelns, Ordnens und Inventarisierens in der Gegenwartskunst nachspürt. Das gigantische Wandbild "Via Lucis" in kleinteilig flirrendem Schwarz-Weiß-Muster stammt von dem Kölner Philipp Goldbach. Was zunächst wie die Übersetzung eines Algorithmus in konkrete Malerei wirkt, erweist sich bei näherem Hinsehen als riesiges Puzzle aus rund 200 000 sauber über- und nebeneinander geschichteten Diarahmen. Sie bilden das komplette analoge Bildarchiv des Kunsthistorischen Instituts der Universität Köln, das Goldbach 2013 nach dessen Auflösung erstand. Es geht eine seltsame Faszination aus von dieser ebenso reduzierten wie geballten Inszenierung eines in seiner physischen Erscheinungsform obsolet gewordenen Bilderkanons, der – en bloc durchleuchtet – nichts anderes zeigen würde als ein schwarzes Quadrat. Zugleich formuliert Goldbachs Arbeit eine Grundidee dieser Ausstellung.

Ein suggestiver Sog ins Vergängliche

Es geht hier um das Archiv als künstlerische Organisationsform zur Visualisierung flüchtiger Phänomene wie Erinnerung, Zeit, Erfahrung. Während da ein Diaprojektor Kathrin Herzners auf Reisen fotografierte Sammlung von Lichtreflexen an die Wand wirft und so einen abstrakten Bewegungsraum kreiert, zeigt Susan Morris nebenan einen nach Vorlage persönlicher Aufzeichnungen über ihr Schlafverhalten geknüpften Wandteppich. Auch Nick Koppenhagen versucht dem Ungestalteten via Statistik eine verbindliche Form zu geben, die mal als winziges Aquarell über die "Gefühlte Position der Monate im Jahr" daherkommt, mal auf neun Quadratmetern "2174 Stimmungsschwankungen" des Künstlers während eines Monats systematisiert.

Doch in den Archiven im Kunstraum Alexander Bürkle lauert nicht nur Poesie. Hanne Darbovens "Hommage an meinen Vater" auf 192 gerahmten, nach strengem Raster variierten DIN-A4-Formularzeichnungen, On Kawaras durch die Säle klingende Rezitation der seit 998031 v. Chr. vergangenen Jahreszahlen oder Peter Drehers 1974 begonnene, mittlerweile 5000 Bilder umfassende Porträtserie eines Wasserglases ("Tag um Tag guter Tag") stellen hier sicher die extremsten Varianten künstlerischer Strukturierungsarbeit dar. Gemeinsam ist ihnen neben einem atemberaubenden Wiederholungszwang ein suggestiver Sog ins Zeitliche und Vergängliche, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Ulrich Wüst dagegen wirft in seiner zwischen 1979 und 1984 in menschenleeren Neubauvierteln der ehemaligen DDR fotografierten Serie "Stadtbilder" einen nüchternen Blick auf die Aura des Verlusts und der scheiternden Utopie. Seine Serie korrespondiert hier auf eindringliche Weise mit Viktoria Binschtoks vergleichender Fotoarbeit "World of Details", für die die Künstlerin weltweit Straßenecken, Häuserwände oder Ladentüren fotografierte, die sie zuvor im Internet auf Google Street View gefunden hatte. Paarweise im Kunstraum präsentiert, erkunden Binschtoks Screenshots und Farbaufnahmen das dokumentarische Potenzial der Fotografie in der digitalen Gegenwart.

Gänzlich analog hingegen arbeitet Maria Tackmann, deren betörende Bodenarbeit "Anlage" zu den Höhepunkten dieser inspirierenden Schau gehört. Die Künstlerin arrangierte dafür Materialien wie Zweige, Rindenstücke, Ziegelbruch, alte Fliesen, mit Wollfaden umwickelte Glasscheiben oder sauber geschichtete Schleifpapierquadrate zu einer beziehungsreichen Objektlandschaft, die im Dialog der Farben, Texturen, materiellen und haptischen Qualitäten eine eigenwillig klare und zarte Poesie der Ordnung entfaltet.

Kunstraum Alexander Bürkle, Robert-Bunsen-Str. 5, Freiburg. Di bis Fr, So 11–17 Uhr. Bis 28. Februar 2018.