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19. Januar 2015

Raum-, Kultur- und Lebenszeichen

AUSSTELLUNGSRUNDGANG: In der Galerie Lilian Andrée in Riehen und den Basler Galerien Eulenspiegel und Mäder.

Eine Entdeckung sind die Fotos von Rania Matar auch zu anderen Zeiten. Gerade dieser Tage können die Bilder der im Libanon geborenen Architektin und Fotografin aber wieder ein Quäntchen mehr als sonst als Offenbarung gelten. Die Auswahl aus der Serie "Ein Mädchen und ihr Zimmer", die die Basler Galerie Eulenspiegel aktuell präsentiert, ist aus der Idee entstanden, Teenagerinnen dort zu porträtieren, wo sie sich am nächsten sind. Die im häufig kreativen Chaos zwischen Fotowand, Schminkarsenal-, Plüschtier- und Kleider-Tohuwabohu dargestellten Mädchen haben indes eine Besonderheit. Sie kommen entweder aus den USA, wo die Fotografin lebt und selbst Kinder hat, oder aus dem Kulturkreis ihrer Jugend. Ein Unterschied ist normalerweise nur in Details erkennbar.

Das Mädchen mit der Sonnenbrille, im knappen Top und Rock, das da ans Bett gelehnt, die Beine lässig übereinandergeschlagen aus dem Fenster schaut, ist etwa: "Stephanie, Beirut Libanon, 2010". Rania Matar, die ihren Weg längst auch in die großen Museen gefunden hat und deren Bilder weltweit ausgestellt werden, richtet ihr Objektiv vornehmlich auf Frauen. Dabei gelingen ihr Fotos, wie das neben den Mädchenzimmerbildern zusätzlich in einer Mappe zum Durchblättern gezeigte "Barbie Girl, Beirut Libanon, 2006". Ein vielleicht vierjähriges Mädchen mit dunklem Lockenkopf läuft fröhlich mit ausgebreiteten Armen im Hemdchen mit Barbie-Aufdruck in Richtung der Fotografin, während im Hintergrund Kriegsruinen auf Abriss warten. In Szenen, wie dieser, die aus dem Hintergrund von der ihrerseits fröhlichen Mutter und einem eher skeptisch blickenden jungen Mann beobachtet werden, tritt das Dokumentarische in den Vordergrund.

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Bei Rolf Brunner in der Basler Galerie Mäder steht dagegen wieder das reine Bild im Zentrum. Dem 1930 in Zürich geborenen Künstler sei es in seinen hier und da nahezu gegenstandslos erscheinenden Bildern fast immer um die menschliche Figur, das Porträt zu tun, erklärt Franz Mäder. Allerdings kann der Mensch sich, wie in Brunners "Rückenbildern" derart vom Betrachter ab- und aus dem Bild herauswenden, dass bestenfalls noch eine erahnbare Spur von Hinterkopf zu sehen bleibt oder auch die nicht mehr. Jahre später kann noch der fehlende Kopf ein Bild beherrschen, wenn die Abstraktion scheinbar einen neuen Höhepunkt erklommen hat. Ein Kopf kann sich auch ins Auge eines Wirbelsturms hinein auflösen. Ein andermal porträtiert der Künstler eine Wasserflasche. Ob Kopf oder Vittel, das sei im Prinzip einerlei, so Brunner.

Von seiner Version des reinen Bildes kann der heute bei Basel lebende Künstler, der sich nach einer frühen Lithografenausbildung seit den 1960er Jahren der Malerei verschrieben hat, auch im 85. Lebensjahr nicht lassen. Titel gibt er seinen Bildern nicht, das enge den Betrachter zu sehr ein. Franz Mäder, der Bilder bevor er sie ausstellt, oft einige Wochen zu sich nach Hause holt und "bewohnt", wie der Galerist erklärt, schmunzelt: Natürlich wolle auch er seine Kunden nicht einengen. Da es sich bei Kunstwerken ohnehin bekanntlich um 'Kinder' der Künstler handele, suche er gewissermaßen Pflegeplätze für sie. "Da muss ich zuerst wissen, was die Bilder mit mir machen."

Wen es nach dem reinen Bild wieder etwas weiter ins Gegenständliche drängt, der ist bei Constantin Jaxy richtig. Er ist sich so treu geblieben wie kaum einer. Noch immer sind die seltenen Farbspuren in seinen Bildern Lichtspiegelungen auf glänzendem Graphit, die je nach Tageszeit und Umgebung wechseln. Von dieser Scheinfarbe abgesehen, malt der 1957 in Bremen geborene Meisterschüler von Malte Sartorius, den derzeit die Riehener Galerie Lilian Andrée ausstellt, in konsequentem Schwarz-Weiß. Darin seien alle Farben gebündelt, erklärt Jaxy, im Übrigen gehe es ihm vorrangig um Form, Konstruktion und Bewegung. Dabei gelingt dem Zeichner, ob mit weit ausholender Geste in riesigen Formaten oder auf ein kleines Karree beschränkt, immer neu das eigentlich Unmögliche: Jaxy holt aus statischen Strukturen, etwa Flugzeughallen oder Wohn- und Bürohochhäusern ein bewegtes Schwingen.

Dasselbe gelingt ihm, wenngleich viel zierlicher, in seinen kleinen Wandskulpturen aus Holz und Karton, die er "Spurenelemente" nennt. Immer ist auch der ins Werk geschriebene und oft zum Dargestellten widersprüchliche Titel ein ebenso wichtiger Teil des Bildes wie das nicht selten unbändige Format. Stolze 133 x 530 Meter zeichnen etwa die Papierarbeit "Basis" aus. Sie zieht schon deshalb die Aufmerksamkeit auf sich, weil der Blick in einen ins Schweben geratenen Flugzeughangar über Eck an die Wand gespannt ist. In einem äußerst gebändigten Format (40 x 60 Zentimeter) präsentieren sich dagegen ausgerechnet die Blicke auf Hochhäuser, wie etwa das 1930/31 gebaute New Yorker Empire State Building. Dass sich Jaxy gerade bei diesen Bildern beschränkt, für die ihm Ausschnitte aus Filmaufnahmen oder aus Google Earth als Vorlage gedient haben, passt ins System.
– "Constantin Jaxy: Raumzeichen", Galerie Lilian Andrée, Gartentsr. 12, Riehen, bis 8. Februar, Mo-Fr 13-18 Uhr, Sa 11-17 Uhr, So 13-17 Uhr
– "Rania Matar: Ein Mädchen und ihr Zimmer", Galerie Eulenspiegel, Gerbergässlein 6, Basel, bis 8. März, Di-Fr 9-12 + 14-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr
– "Rolf Brunner", Galerie Mäder, Claragraben 45, Basel, bis 14. Februar, Di+Fr 17-20 Uhr, Sa 10-16 Uhr

Autor: Annette Mahro