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21. März 2017

Rebellin im Mondrian-Look

Ein Zürcher Ausstellung über die Konstruktivistin Marlow Moss.

  1. Marlow Moss: „Composition White, Yellow, White, Blue and Black with Black Lines“ (1956-57) Foto: privatsammlung

Zugegeben, Konkrete Kunst galt noch nie als besonders zugänglich. Humor ist ihr bis heute eher fremd, alles Anekdotische ein Gräuel. Stattdessen schlugen schon die Protagonisten der ersten Stunde gern einen leicht herrischen Ton an, wenn es darum ging zu erklären, warum die Konkrete Kunst die Krone aller künstlerischen Praxis sei: "konkrete kunst ist der reine ausdruck von harmonischem maß und gesetz", befand der notorische Kleinschreiber, konkrete Maler und Gestalter Max Bill 1949, "sie ordnet systeme und gibt mit künstlerischen mitteln diesen ordnungen das leben."

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet die wenigen Frauen waren, die die reine Lehre der Konstruktivistenszene unterliefen und die Konkrete Kunst über ihre selbstbezügliche Mathematik der Farben, Formen und Ordnungen hinaus in den Alltag erweiterten. Neben Sophie Taeuber-Arp, die parallel zum Aufkommen des russischen Konstruktivismus in Zürich sowohl Dada mit initiierte als auch die Bewegung der Konkreten, zählen zu den Pionierinnen Verena Loewensberg mit ihren vom Jazz inspirierten Abstraktionen sowie die in Paris lebende Ungarin Vera Molnár, die ihre Malerei lang vor Erfindung der Computerkunst aus Algorithmen ableitete.

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Einen gewissen Hang zum Rebellischen kann man auch Marlow Moss (1889-1958) nicht absprechen, deren Werk das Zürcher Haus Konstruktiv jetzt erstmals im deutschsprachigen Raum in einer dichten Retrospektive würdigt. Als Tochter eines jüdischen Textilhändlers in London geboren, hatte sie ihren Geburtsnamen Marjorie Jewel mit 30 gegen den geschlechtsneutralen Vornamen Marlow getauscht. Wenig später posierte sie auf Fotos ausschließlich mit streng gescheitelter Kurzhaarfrisur in Reiterhose, Stehkragenhemd und Krawatte – ein weiblicher Dandy, ganz im Gentleman-Look der Hollywood-Ära. Da ihr das Malereistudium in London zu konventionell war, zog sie 1927 nach Paris, um bei Fernand Léger Unterricht in Abstrakter Malerei zu nehmen, der sie unter anderem mit dem Neoplastizismus Piet Mondrians bekannt machte. Kurz darauf lernte sie die niederländische Schriftstellerin Antoinette Hendrika Nijhoff-Wind kennen, die für Moss ihren Mann verließ, den Dichter Martinus Nijhoff . Ein Foto zeigt das lesbische Paar in den frühen Vierzigerjahren im Garten seines Hauses in Cornwall, in das es sich auf der Flucht vor den Nazis zurückgezogen hatte. Für Moss’ Karriere bedeutete das eine tiefgreifende Zäsur.

Wie stark die Malerei der Britin zeit ihres Lebens von Mondrian inspiriert war, ist in Zürich unübersehbar. Tatsächlich wirkt die Schau im ersten Moment wie ein Archiv nie gemalter Bilder des Niederländers. Mit einem kleinen, entscheidenden Unterschied. Verstand sich Mondrian als Landschaftsmaler einer reinen, hinter der sichtbaren Welt verborgenen Realität, verweigerte sich Moss jedem Wirklichkeitsbezug außerhalb der Realität des Bildes und seiner Konstruktionsprinzipien. Zahlreiche Studien auf Papier, übersät mit Bleistiftlinien, Farbfeldern und den handschriftlich notierten exakten Koordinaten der einzelnen Elemente, geben einen Einblick in ihre Arbeitsweise. Für Moss war die zeichnerische Konstruktion alles, das Malen selbst nur ein notwendiger Akt, radikal unpersönlich, prinzipiell auch an Dritte delegierbar.

Auch ein Interesse an den Möglichkeiten, das Bild in die Dreidimensionalität des Raumes zu falten, trennte Moss von Mondrian – ein bezauberndes weißes Relief aus Bindfaden auf Holz kann dafür ebenso stehen wie die großformatige und dennoch wunderbar lichte Raumzeichnung aus Bronze im letzten Saal. Dass die Anregung keineswegs einseitig war, Mondrian sich vermutlich seinerseits bei der Britin bediente, von der er die parallelen Doppellinien in sein Vokabular übernahm, gehört zu den vielen kleinen Überraschungen dieser Ausstellung, die nicht nur das vergessene Werk einer radikalen Einzelgängerin vorstellt, sondern zugleich den schmalen Grat zwischen Intuition, Inspiration und Imitation thematisiert.

Haus Konstruktiv, Selnaustr. 25, Zürich. Bis 17. Mai, Di bis So 11–17 Uhr.

Autor: Dietrich Roeschmann