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21. September 2011

Spitze Schnäbel im Weiß

"Creatures": Zwischen Traum und Wirklichkeit – vier Künstlerinnen aus Berlin in der Freiburger Galerie Schindel.

Die vier Künstlerinnen sind aus Berlin. Sabine Wenzel, die bereits im vergangenen Jahr in der Galerie Schindel in Freiburg ausstellte, hat diesmal drei Kolleginnen und Freundinnen mitgebracht. "Creatures" heißt die Schau des Quartetts. Der entsprechende deutsche Begriff ist schillernd. Er bezeichnet reale Lebewesen wie Mensch, Tier oder Pflanze, aber auch Geschöpfe der Fantasie. Die Ausstellung versammelt Kreaturen in beiderlei Bedeutung – ja genau genommen noch in einer dritten.

Nahe der Glasfront der Galerie ist auf weißem Sockel eine kleine, 20 Zentimeter hohe Bronzefigur postiert: ein stehendes Kind, das, so scheint es, ein Banner in die Höhe reckt. Doch das Banner erweist sich als Sensenblatt, und der es haltende dürre Kinderarm von "Schlafes Bruder" (dies der Titel) ersetzt den Sensenstiel. So amalgamiert diese Allegorie des Todes auf ausdrucksvolle und frappierende Weise antike Darstellungen des eine Fackel senkenden Kindes mit der mittelalterlichen Figur des Sensenmanns.

Noch weitere, nicht minder starke plastische Kinderdarstellungen von Kerstin Grimm folgen. Eins der Kinder hat einen überdimensionalen Frosch an der wie ein Lasso ausgeworfenen Leine, man ahnt nichts Gutes für das Tier; ein anderes Kind steht statuarisch auf einem mageren Löwen, noch eines balanciert sitzend auf einer Raubkatze. In "Bluthund" sitzt ein lockiger Kinderkopf einem wölfisch anmutenden Leib auf. Und dem kindlichen "Scheinengel" wächst am Hinterteil Rumpf und Schwanz eines Skorpions. Bildliches Statement einer ursprünglichen kindlichen Wildheit, konterkarieren die Skulpturen das Klischeebild unschuldiger Kindheit. Weitere Kreaturen Grimms wirken wie der Fantasie eines Hieronymus Bosch oder einem Alptraum entstiegen.

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Traumbefangen erscheinen Tanja Selzers gemalte Szenerien in Öl. Aus informell verfließenden Hintergründen treten so nebelhaft wie stark präsent Menschen und Tiere hervor und in Interaktion miteinander. Einem liegt eine riesige gefleckte Raubkatze über den Schultern. Ein anderer führt eine Hyäne an der Leine. Und zwei sich aufbäumende schwarze Pferde attackieren sich in wildem Kampf. Eine Spur animalischer Wildheit eignet noch der auf dem Bett sitzenden Blondine mit Löwenmähne.

Sabine Wenzels Fotografien zeigen Möwen im Flug. Die lyrische Beschwingtheit des Motivs wird gesteigert durch poetische Unschärfen. Gleichzeitig stechen aus dem Weiß von Luft und weich gezeichnetem Gefieder spitze rote Schnäbel und bleibt in der Schwebe, ob es Szenen der Harmonie sind oder des Zanks. Den Abschluss bildet ein in den Mikrokosmos von Gräsern, Insekten und Würmern eintauchendes Video von Sevrina Giard.
– Galerie Schindel, Oberlinden 4, Freiburg. Bis 8. Oktober, Montag bis Freitag 11–19 Uhr, Samstag 10–16 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz