Von der Macht befreit

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Sa, 12. Mai 2018

Ausstellungen

Subtiler Humor und expressiver Strich: Gela Samsonidses sehenswerte Soloschau "Visages" in der Kenzinger Galerie Menzel.

Die Arme verschränkt, den Blick herausfordernd in die Ferne gerichtet, dabei dennoch nachdenklich, fragend, leicht melancholisch: So sah sich Gela Samsonidse vor zwei Jahren, die Silhouette hinterfangen von einer blau-grün-dunkelrot karierten Gitterstruktur auf zartrosa Grund. Es ist ein ungemein lebhaftes Selbstporträt, das der 1965 in Georgien geborene und seit den Neunzigern in Merzhausen lebende Maler derzeit in der Galerie Thomas Menzel in Kenzingen zeigt. Mit jedem Blick scheint es eine andere Nuance der Künstlerpersönlichkeit anzudeuten, sich neu zu positionieren im Verhältnis zur realen Welt.

Diese wiederum scheint in Samsonidses sehenswerter Soloschau "Visages" ansonsten auf eine seltsam surreale Weise in Dornröschenschlaf gefallen. Schon bei Eintreten starren einen von großformatigen Leinwänden Politiker aus längst vergangenen Tagen an: ein struppiger Fidel Castro, der nordkoreanische Diktator Kim Jong-il, ein rotgesichtiger Wladimir Putin im Stil der Neuen Sachlichkeit sowie Gerhard Schröder und George W. Bush im Doppelporträt, die Hände zum Winken erhoben wie einst Honecker und Breschnew bei Militärparaden – eine Mischung aus Gruß, Befehl und Zurückweisung. Auf Latten aufgeständert und in der Mitte des Raumes zu einem Panorama arrangiert, das man umkreisen kann, wirkt diese Malereiinstallation von 2005 wie ein Kommentar auf das klägliche Ende des Aufbruchs, den die Schröder-Ära einmal bedeuten wollte.

Der subtile Humor und der expressive Strich, mit dem Samsonidse die Gesichtszüge der Weltenlenker sanft ins Staunende, Starrsinnige oder Naive entgleiten lässt, korrespondiert auf wunderbare Weise mit den abstrakten, fast psychedelischen Hintergründen, meist aus ineinander verschlungenen Kreisornamenten, die er in immer neuen Farbvariationen in die Tiefe des Bildraums windet. Es ist ein chaotisches, undurchdringliches Dickicht, das Samsonidse hier über die Leinwände wuchern lässt. Der Effekt ist bemerkenswert: Mit den Mitteln der Malerei nimmt er den Politikern die Autorität, befreit sie gewissermaßen aus dem Kontext ihrer Herrschaft – allerdings nicht unbedingt in freundlicher Absicht, wie die Kritik etwa dem afroamerikanischen Maler Kehinde Wiley unterstellte, dessen berühmtes Porträt von Barack Obama im Efeu sich ebenfalls als Zusammentreffen von Ornament und Prominenz in einem der Geschichte entrückten, imaginären Raum lesen ließe. Bei Samsonidse übernimmt die Abstraktion eine andere Funktion: Sie lenkt den Blick auf die stereotypen Gesten der Macht, demaskiert sie, dekonstruiert.

Schade: Die zweite Soloschau "Face to Face", die parallel zu den "Visages" in der Galerie des Beaux Arts in Neuf-Brisach Samsonidses bemerkenswerten Doppelporträts von Freunden oder sich selbst präsentierte, musste leider nach nur wenigen Tagen aus konservatorischen Gründen abgebrochen werden.

Galerie Thomas Menzel, Mühlestr. 25a, Kenzingen. Do und Fr 15 bis 19 Uhr, Sa 12 bis 18 Uhr. Bis 2. Juni.