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02. Februar 2012
Wenn das Auge ins Schwimmen kommt
Die eigenwilligen Fotografien von Bernhard Strauss in der Künstlerwerkstatt im Freiburger L6.
Auf den ersten Blick wirken die Aufnahmen wenig professionell: Urlaubsschnappschüsse aus, wie es öfter scheint, südlichen Gefilden, so die spontane Assoziation. Manche Bilder muten schlicht misslungen an – Ausschussware eines Anfängers, visueller Abfall, wie ihn jeder Besitzer einer zu gedankenloser, weil kostenneutraler Vielknipserei einladenden Digitalkamera produziert. Nicht nur die bis zu breiiger Verschwommenheit gehende Unschärfe mancher Motive, auch die scheinbare Beliebigkeit der Sujets oder die wie zufällig gewählten Bildausschnitte wecken diesen Eindruck.
Bernhard Strauss, von dem die Aufnahmen in der Künstlerwerkstatt Freiburg stammen, arbeitet mit der Digitalkamera, aber natürlich ist er alles andere als ein fotografischer Laie. Selbst dort, wo die Unschärfen nicht aus Langzeitbelichtungen resultieren wie in dem kleinen Meerbild mit Bojen, sind sie kein Fehler, sondern gewolltes Resultat und manchmal fast malerisch "komponiert". Dem Auge bieten sie Flucht- und Ruhepunkte vor einer Realität, die außerhalb des Bereichs der Kunst keine Distanz duldet.
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Bei Strauss dagegen kann der Blick sich einnisten im nebelhaften Ungefähr nicht näher identifizierbarer farbiger Formen, schattiger Partien . Ein großes Hochformat wiederum lädt das Auge zum Flanieren in einem von Farben und Formen wimmelnden Baum- und Wiesenstück mit Blumen, Halmen und Zweigen ein. Das unscharf abgelichtete Geäst davor, das den Blick aufs Filigran des scharf festgehaltenen Naturausschnitts filtert, teilt das Motiv in weitgehend selbständige Kompartimente auf – kleine Sehinseln, über deren Autonomie der große Zusammenhang beinahe verloren geht.
Das Auge gerät hier ins Schwimmen, verliert durch die perspektivische Verselbständigung der Bildausschnitte den festen Halt am Motiv, ist vagierend zu aktiver Zusammenschau genötigt. Auch in anderen Aufnahmen löst sich die Klarheit der Perspektive in der Überlagerung scharf wiedergegebener Partien durch unscharf abgelichtete Objekte im Bildvordergrund tendenziell auf. Manche wirken darin wie Collagen, die Bildelemente wie zusammenmontiert – hintersinniges Pendant der Doppelbödigkeit, ja medial forcierten Bodenlosigkeit von Realität heute.
Andere Aufnahmen stellen das Auge vor keine Probleme dieser Art. In ostentativer Schlichtheit zeigen sie unscharf abgelichtete, verdorrte Blumen oder im Wind bewegte Halme, gegen einen bewölkten Himmel fotografiert. Der bewusste Verzicht aufs Spektakuläre schlägt den Aufnahmen als wohltätige Kargheit zu Buche, die das Auge in unserer überreizten Bilderwelt auch mal zur Ruhe kommen lässt.
– Künstlerwerkstatt im L6, Freiburg. Bis 18. Feb., Mi bis Fr 15–19, Sa 11–17 Uhr.
Autor: Hans-Dieter Fronz
