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14. März 2017

Wenn das Fahrrad Vorrang hat

Ausstellung "Bike Design City" im Gewerbemuseum Winterthur.

  1. „We are traffic“, Fotoserie von Björn Lexius und Till Gläser Foto: www.tillglaeser.de

Jeden Morgen und Abend dasselbe: Die Straßen werden von stinkenden Ungetümen verstopft, die im Schritttempo voran tuckern, gleichwohl sie für die Überwindung von Langstrecken mit einer Geschwindigkeit von mindestens 100 Stundenkilometer entwickelt wurden. Für andere Verkehrsteilnehmer kein Durchkommen, von der Lärm- und Luftverschmutzung gar nicht zu sprechen. Das muss nicht so sein. In Kopenhagen fahren mehr oder weniger alle mit dem Fahrrad. Parkplätze wurden nach und nach gestrichen und die Straßen für den äußerst fluiden, wendigen und schnellen "Langsamverkehr" transformiert. Fahrräder haben Vorrang vor allen anderen Verkehrsteilnehmern, vor Autos, vor Fußgängern und vor Straßenbahnen.

Radwege sind in der Regel drei bis vier Meter breit, eine grüne Welle bei Tempo 20 sowie Fahrradschnellstrecken, -brücken und -unterführungen sorgen für einen ungehinderten Fluss des Radverkehrs. Und natürlich gehören auch Fahrradstationen und Bike-Sharing-Möglichkeiten dazu. In der hervorragenden Winterthurer Ausstellung "Bike Design City" zeigt ein Video, wie die Kopenhagener bei Wind und Wetter mit Kind und Kegel – mit Cargo Bikes lassen sich alle Sorten von Personen- und Frachtlasten bis zu 200 Kilogramm transportieren – flink und diszipliniert durch die Stadt radeln. An einem runden Tisch mit aufgezeichneten Verkehrssituationen zeigt das Gewerbemuseum Winterthur die Verkehrsregeln des sogenannten Oslo-Standard, wo Busse auf der Straße halten müssen und die Fußgänger auf einer für sie vorgesehenen Insel warten, damit der vorbeiziehende Fahrradverkehr nicht behindert wird. Für radelfreudige Europäer ein Traum.

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Hinzu kommen neue Konzepte des Parkens. Da an Knotenpunkten wie Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen teilweise bis zu 33 000 Radstellplätze zur Verfügung stehen müssen, sind Ideen des automatischen Parkens gefragt, bei denen das Fahrrad lediglich in eine Haltung geschoben und automatisch in den Boden versenkt wird. Idealerweise könnten E-Bikes beim Parken sogar noch aufgeladen werden. Die Zukunft des digitalen Radfahrens ist jedenfalls nahe.

Intelligente Navigationssysteme leiten Radler durch die Städte, immer ausgefeiltere Antriebssysteme und Leichtbaumaterialien machen das Radeln zu einem leichtgängigen Vergnügen. Zu sehen sind unter anderem Fahrradmodelle, die nur sieben Kilo wiegen, zumeist aus Carbon; auch Holz und Bambus finden Verwendung. Design, Ästhetik und Gestaltung sind kaum Grenzen gesetzt. So werden Fahrräder wie Fotografien als Ausdruck von Individualität betrachtet, mit Marken wird Flagge gezeigt, in Workshops werden Unikate gebaut, wie etwa das von einem Musiker gebaute Kupferoptikrad.

Die ausgestellten Radmodelle sind unisex oder für Männer, was unfreiwillig die verbreitete Praxis auf Messen und in Manufakturen widerspiegelt. Die Auswahl an Damenrädern ist limitiert, obwohl ebenso viele Frauen wie Männer auf den Drahteseln unterwegs sind. Vielleicht schrauben sie nicht so gerne? Oder als Ausgleich für das Überangebot an Schuhen und Kleidung? Jedenfalls interessant. Lobenswert ist die Entwicklung von Antrieben, die nicht geölt werden müssen und bei denen das Getriebe in der Nabe oder im Tretlager sitzt. An kleinen Stationen kann man die inneren Vorgänge eines mühelosen Schaltens zwischen 18 Gängen und eines per Absatzkick zwischen zwei Gängen variierenden Getriebes beobachten. Wie reibungslos sich ein Rad drehen lässt, dessen Licht per Induktionslicht funktioniert, ist ebenfalls zu erfahren. Und das alles ohne Kabel. Im Übrigen kommen auch die Liebhaber von Singlespeeds, coolen City Bikes und Oldtimern auf ihre Kosten.

Die Bedeutung der Ausstellung liegt neben der Präsentation von besonderen Fahrradmodellen, Materialien und Innovationen – der weltweit rutschfesteste Fahrradwegbelag führt als ein roter Faden schwungvoll durch den Parcours –, im Aufzeigen neuen Städteverkehrs. Neben dem Oslo Standard sind Neuerungen in den Niederlanden und eher abwegige Entwürfe für London zu sehen: Man sollte nicht die alten Trassen von Bahn und Auto überbauen, sondern den Veloverkehr angemessen planen, damit die Radler an Geschäfte nah herankommen und in Kontakt mit der Stadt sind.

Immerhin sind in Kopenhagen nicht nur die Unfallzahlen stark gesunken, sondern auch die Umsätze von Geschäften und Restaurants gestiegen. In der Schweiz ist eine Steigerung des Fahrradverkehrs durch Schaffung besserer Infrastrukturen (Veloschnellstrecke und -parkplätze) geplant. Und wie steht es mit der Green City? Eine automatische Fahrradparkstation vor der Uni-Bibliothek oder am Bahnhof? Bis hierfür das Geld zur Verfügung steht, könnte man einige Autoparkplätze statt des Tango-Brunnens in Fahrradstellplätze umwandeln. Und wenn die Autos mit Verbrennungsmotoren dann irgendwann die Stadt verlassen, kann vielleicht auch das Grün zurückkehren und die Stadt wieder für die Menschen da sein.

Gewerbemuseum, Kirchplatz 14, Winterthur. Bis 30. Juli, Di bis So 10–17 Uhr,
Do 10–20 Uhr.

Autor: Yvonne Ziegler