Wo Hutbollen zu Eiskugeln mutieren

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Fr, 10. Januar 2014

Ausstellungen

"New Old Black Forest": Die Ausstellung im Freiburger E-Werk zum Innovationswettbewerb der Unternehmensgruppe Rombach.

In einem Gedicht Michael Krügers vom Ende der Siebziger Jahre beobachtet das lyrische Ich durch die Scheiben eines Reisebüros die "sprunghaften Reisen der Fliegen". Die Angebotspalette ist breit – Griechenland, Spanien, Marokko, im Grunde steht den kleinen Tierchen in Wandkarten und abgelichteten Urlaubszielen die ganze weite Welt offen. Nur "einige können sich nicht entscheiden. / Sie bleiben auf Deutschland kleben, / in der Gegend des Schwarzwalds, / und sterben bald".

Ein Kunst-Camp am Feldberg

Eine der beliebtesten Urlaubsregionen Deutschlands – offenbar hatte sie schon vor mehr als dreißig Jahren ein kleines Imageproblem. Als der deutsche Michel in den Fünfziger- und Sechzigerjahren die Fernreise entdeckte und anfing, touristisch die Welt zu erobern, bekam der Schwarzwald zunehmend einen Anstrich des leicht Hinterwäldlerischen, Altbackenen, Gestrigen. Als Urlaubsziel ist die Region stets noch äußerst beliebt, doch das Image, ein wenig aus der Zeit gefallen und in der Vergangenheit stehen geblieben zu sein, hat sich gehalten. Noch immer assoziiert man mit dem Schwarzwald spontan eher die Folklore von Bollenhut und Kuckucksuhr denn modernes Leben oder die Technik des 21. Jahrhunderts. Gibt’s da überhaupt Handy-netze?

Diese Situation war Ausgangspunkt für die Ausstellung "New Old Black Forest", die von heute bis Sonntag das Kunstlabor, die Pfeilerhalle im Untergeschoss im Freiburger E-Werk, bespielt. Mit dem Konzept zu der Schau haben Kathrin Krumm, Marvin Maurer und Robert Pachaly den mit 5000 Euro dotierten Innovationspreis der Unternehmensgruppe Rombach und der Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik (hKDM) Freiburg gewonnen; teilnahmeberechtigt waren Studenten der hKDM.

Ziel ihres Projekts ist ein zeitgemäßer Blick auf den Schwarzwald. Dazu lud das Trio Freunde und Freunde von Freunden zu einem einwöchigen Kunst-Camp im Posthäusle auf dem Feldberg ein. 30 Künstler, auch Designer, Musiker und Autoren sammelten bei Spaziergängen, Wanderungen und Gesprächen mit Einheimischen Eindrücke, über die sie sich anschließend austauschten. Die selbst auferlegte Abstinenz von zeitgenössischen Segnungen wie Internet und Handy war für die Digital Natives nicht eben leicht, zur Einstimmung und Einfühlung in den Gegenstand aber letztlich unerlässlich. Die Ergebnisse ihrer Recherchen vor Ort – die jetzt im E-Werk gezeigten Arbeiten – stammen von den Teilnehmern des Camps und einigen weiteren Beteiligten. Teil des Projekts ist ein Buch, das im Sommer erscheinen wird.

Zahlenmäßig stark vertreten sind in der Schau neben den klassischen Kunstgattungen Malerei, Skulptur oder Fotografie jüngere Genres wie Videokunst, Installation oder Performance. Der Mannheimer Ephraim Wegner nimmt in seiner begehbaren Audioinstallation den Besucher mit auf eine akustische Reise durch den Schwarzwald. Sascha Brosamer aus Freiburg bietet bereits am Eröffnungsabend eine audiovisuelle Performance. Neben Kunst hat er in Karlsruhe auch Musik studiert; die Klänge zu seiner Performance wurden von ihm selbst komponiert. Ein Klangkunstwerk ist auch die quadrophonische Live-Performance mit synthetisch erzeugten neben synthetisch veränderten Klängen aus dem Schwarzwald von Bernd-Michael Land alias Aliens Project. Die junge Münchner Autorin Jovana Reisinger liest aus Texten, die nicht nur im Schwarzwald sondern auch in anderen waldreichen Gegenden Deutschlands entstanden.

Der Schwarzwald, das ist, natürlich, vor allem die Landschaft. In Lydia Ramras großformatiger Malerei züngeln Schwarzwaldtannen so schlank wie künstlich, weil poppig bunt in die Höhe; zwei Fliegenpilze plustern sich am Boden maßlos-unmaßstäblich auf. Poetisch zart Marvin Maurers Aufnahme mit zwei auf einem Gewässer treibenden Ästen; um neunzig Grad gedreht, stellt sich die Assoziation von Tiergeweihen ein.

Der Schwarzwald, das sind aber auch die Klischees über ihn; mit denen kann man ja aber spielen. Den Mailänder Pietro Massa etwa, der bis dato vom Schwarzwald noch nie etwas gehört hatte, inspirierte der Schwarzwälder Bollenhut zu einer Montage, die jetzt ein T-Shirt ziert. Sie zeigt rote Eiskugeln auf einer Waffel – eine für einen Italiener wohl nahe liegende Assoziation. Hannes Grebin hat eine Armbanduhr in poppigen Farben kreiert, deren Gehäuse an eine stilisierte Kuckucksuhr erinnert. Kathrin Krumm wiederum hat einen Schäppel oder Brautkranz verändert und ungerührt in seiner Funktion als Virginitätssymbol kenntlich gemacht.
– E-Werk, Eschholzstr. 77, Freiburg. Eröffnung: heute, 10. Januar, 18–23 Uhr. Geöffnet am Samstag, 11.1., 18–22 Uhr, Sonntag, 12.1., 15–20 Uhr.
– Performance (Sascha Brosamer): Freitag, 10.1., um 20 Uhr.
– Quadrophonie (Bernd-Michael Land alias Aliens Project): Sonntag, 12.1., ab 15 Uhr.
– Lesung Jovana Reisinger: Sonntag, 12.1., um 17 Uhr.

Infos:      http://www.Newoldblackforest.de