Zwei Kannen in Gold – und die Torten zum Kaffee

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Di, 18. September 2018

Ausstellungen

KUNST IN KÜRZE: Antje Scharfe in Staufen, Hamid Ghodratmand in Kirchzarten, Anna-Katharina Rintelen in Emmendingen.

Antje Scharfe

Dass es in Ausstellungen im Keramikmuseum Staufen um Gefäße geht, ist nicht ungewöhnlich. Dass es – wie in der aktuellen Studio-Schau – um Gefäße geht, ohne dass der Besucher ein einziges richtiges Gefäß zu Gesicht bekommt, dagegen schon. Denn auch wenn Antje Scharfe im Titel ihrer Präsentation Gefäße ankündigt, wartet sie doch mit nichts anderem auf als Bildern von Gefäßen. Bildern in Porzellan und Farbpigmenten.

In den 70er Jahren hat die Keramikerin mit Atelier nahe Berlin an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein in Halle an der Saale Keramik studiert. Später selbst dort Professorin im Fachbereich Keramik des Studiengangs Plastik, arbeitete sie bildkünstlerisch mit papierdünnen Plättchen aus edlem Knochenporzellan. Früh nämlich hatte sich Antje Scharfe vom Gefäß verabschiedet. Und doch hat das Gefäß sie bis heute nicht losgelassen.

"Still leben Gefäße" nennt sie ihre Schau – natürlich denkt man automatisch an das Genre Stillleben. Im Unterschied zur französischen "nature morte" akzentuiert der deutsche Begriff das Moment des Vitalen, Lebendigen dieser Malerei-Gattung. Und in der Tat: Bei Antje Scharfe führen die Gefäße sichtbar ein Eigenleben. In "Still-leben-Gefäße" versammeln sie sich zum Gruppenbild: ganz hinten die Flaschen, weil die die anderen überragen. Oder wir sehen eine Kaffeekanne im angeregten Tête-à-Tête mit einer Teekanne: beide goldfarben, im Schwelgen in goldenen Erinnerungen. Liebenswürdig schrullig wirken die alten Damen, wie aus der Zeit gefallen: Das Lebenselixier von Antje Scharfes Keramikkunst ist Nostalgie.

Hamid Ghodratmand

Die Torten zum Kaffee liefert der Kunstverein Kirchzarten. Seine Ausstellungsstätte, die Alte Evangelische Kirche, hat der Kunstverein, so scheint es, zur Lagerstelle für Feingebäck umfunktioniert. Auf einem metallischen Baumarktregal reiht sich auf vier Ebenen eine Torte an die andere. Und eine ist schöner als die andere: In bester Zuckerbäckermanier hat der Pâtissier Hamid Ghodratmand seine süßen Kreationen mit Glasuren und Creme-Verzierungen überzogen, der Erfindungsreichtum ist bewunderungswürdig.

Hat der aus dem Iran stammende Künstler mit einem Atelier in der Villa Mitscherlich das Fach gewechselt und ist unter die Konditoren gegangen? Das Wasser jedenfalls will einem im Munde zusammenlaufen. Bis man genauer hinblickt: Mit der Spritztülle, so will es scheinen, hat der Backkünstler den Torten in Schnörkelschrift Aufschriften gegeben, die dem Besucher das "Fest" – dies der Ausstellungstitel – ganz schnell vermiesen. "Auschwitz" lesen wir da und "Hiroshima", "Los Alamos" und "Nine-Eleven", "Hunger" oder "Enola Bay".

Die Torten übrigens, plastische Trompe-l’œils, sind aus Lindenholz und Ölfarbe. Wie auch die anderen Skulpturen: eine Vase mit Callas etwa, Schneidebretter mit im Holz steckendem Messer oder eine Kaffee- und eine Teekanne. Nur die Salzstangen von der Vernissage am Vormittag sind echt.

Anna-Katharina Rintelen

Den Gegenpol zu Ghodratmands hyperrealistischer plastischer Kunst bezeichnen Anna-Katharina Rintelens lyrisch-informelle Acrylmalerei in der Emmendinger Galerie im Tor. In der verschnörkelten Bildsprache ihrer hübschen Tuschpinselzeichnungen immerhin dominieren Anklänge ans Wirkliche – an Landschaftliches oder Vegetation. Auf der Leinwand indes ist Realweltliches tabu: nicht allein in den sechs überwiegend stark buntfarbigen Malereien im größeren Format, sondern auch in Rintelens künstlerischer "Abfallverwertung": Ein gutes Dutzend handtellergroßer Bildchen offeriert die in Freiburg lebende Baslerin als "Ausgewählte Ausschnitte" aus Leinwandbildern.

Die Malerei setzt auf Stimmungen, schon in den Titeln, Positives überwiegt: "Count Your Blessings", Zähl deine Segnungen", oder "Rhythm & Rouges". "What You See" ist eine Malerei von 2016 betitelt – man möchte ergänzen: "is what you get". So zeigt "Blue" eine Agglomeration aus Pinselsetzungen in Blau, die sich lediglich zu den vier Bildecken hin in Gelbtönen aufhellt. "Windspiel" ist ein Seerosenteich aus Farben – und bunter fast nur noch "Paris. / (Je n’y vais jamais à pied)" mit – natürlich! – leuchtend dominierenden Rottönen.

Keramikmuseum Staufen, Wettelbrunner Str. 3. Bis 7. Oktober, Mi bis Sa 14–17 Uhr, So 12-17 Uhr.
Kunstverein Kirchzarten, Burger Str. 8. Bis 7. Oktober, Fr bis So 17–19 Uhr.
Galerie im Tor, Lammstraße 30, Emmendingen. Bis 7. Oktober, Mi 14–17 Uhr, Sa 11–14 Uhr, So 11–17 Uhr.