Falten, reißen, knüllen, zerknittern, pressen und vernähen

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Do, 30. August 2018

Bad Bellingen

"Papier macht Mode – Arbeiten auf und aus Papier" – Bad Bellinger Künstlergruppe wartet in der Galerie BW mit ihrer vierten Ausstellung auf.

BAD BELLINGEN. Mit ihrer vierten Ausstellung wartet die Bad Bellinger Künstlergruppe in der Galerie BW an der Rheinstraße 15 auf: Mit "Papier macht Mode – Arbeiten auf und aus Papier" öffnen die vier Künstlerinnen neue Facetten kreativen Schaffens, die in ihrer Vielfalt, scheinbaren Leichtigkeit und ihrem ästhetischen Charme geradezu anregen, einmal selbst mit dem allgegenwärtigen, oft achtlos entsorgten Material kreativ zu werden.

Aus familiären Gründen und gesundheitsbedingt haben Carola Müller und Renate Dziemba eher im Vorfeld bei der Konzeption der Ausstellung mitgewirkt. Carola Müller ist mit einigen wunderschönen Halsketten präsent, für die sie eng gerollte und dann lackierte Papierperlen verwendet hat.

Kommt man in die Galerie, fallen zuerst die prachtvollen Roben "Cocktailparty" und "Sommernachtstraum" von Ilke Weisenseel ins Auge. Das eine ein kesses, mit Rosetten und Rüschen geschmücktes Ballerina-Kleidchen mit einem Rock, der bestimmt neckisch wippen würde – wenn man es denn anziehen könnte: alles aus im Original belassenem Zeitungspapier der Badischen Zeitung, einschließlich der Farbakzente. "Sommernachtstraum" spielt mit verschwenderischen Rokoko-Formen; das Bustier ist dazu noch mit großen hellen Perlen geschmückt.

"Man muss sich auf die Möglichkeiten des Papiers einlassen", sagt Galeristin Barbara Wartenberg, die sich für die Ausstellung vorwiegend mit Arbeiten auf Papier befasst hat. Zu attraktiven Tableaus angeordnete Collagen unter dem Titel "Lust auf Mode", bei denen man beim näheren Hinsehen launige Zitate aus Kunst und gesellschaftlichem Leben antrifft: Das Selbstporträt von Paula Modersohn-Becker vor poppigem Hintergrund, irgendwo anders ganz versteckt der berühmte japanische Farbholzschnitt "Große Welle". Jedes Element in diesen Tableaus hat eine Geschichte zu erzählen.

"Wir haben mit Leim, Schere, Faden, Klebeband, Klebstoff und Nähmaschine gearbeitet. Und sehr viele Papiersorten ausprobiert, von der Zeitung über Packpapier bis zum handgeschöpften Nepalpapier", sagt Barbara Wartenberg. Papier kann man falten, reißen, knüllen, zerknittern oder, wie im Fall des aus Papierresten zu einem lederartigen Gewebe gepressten Snap-Papiers, sogar zu einem waschbaren Gebilde vernähen, wie die sandfarbene Kreation "Wüstenblume" an der Wand zeigt.

Barbara Wartenberg hat eine kleine Gesellschaft aus spannenlangen Damenroben aus jeweils einem Stück Origami-Papier gefaltet, nichts ist da geklebt. Jedes Kleid hat einen individuellen Look, und doch liegt allen derselbe "Schnitt" zugrunde. Das kleine Kunstwerk bekräftigt den Ansatz der Galeristin, die es mit dem Bauhaus-Künstler Walter Gropius hält, der bekannte: "Bunt ist meine Lieblingsfarbe."

Und es gibt noch viel mehr zu entdecken in der kleinen Galerie: Der hübsche lila Hut, gehäkelt aus Papiergarn, ist eine Hommage an die vor kurzem verstorbene Kreativ-Kollegin Ingrid Waldmann aus Malsburg-Marzell. Gleich daneben ein bunter Schnabelschuh mit abenteuerlich hohem Absatz, eine Kreation, die Ilke Weisenseel mit Pappmaché über einem Drahtgeflecht gestaltet und zum Schluss mit farbigen Fotofragmenten überzogen und lackiert hat. Aus einer Programmbroschüre hat Barbara Wartenberg durch das Falten und Aufblättern der Seiten eine kleine dreidimensionale Skulptur geschaffen, die von zwei handgeschöpften Kartons wie mit Buchdeckeln gehalten wird. Auf diesen steht mit Nähmaschine geschrieben: "Ein Hoch auf die Kunst! Viele Leute haben Geschmack, aber sie wagen es nicht, kreativ zu sein."

"Wir wollen mit dieser Ausstellung die Besucher durchaus zum eigenen künstlerischen Tun anregen", betont die Galeristin. Dass dabei vielleicht auch einige ihrer Ideen mitgenommen werden, sieht sie gelassen. Kunst kommt ja bekanntlich von Können, und die Meisterschaft und Finesse, mit der die Ausstellenden zu Werke gehen, muss erst einmal erworben werden. Dass die Arbeiten das Publikum ansprechen, zeigen etliche rote Punkte, die schon am Tag nach der Vernissage signalisierten, dass das Exponat bereits verkauft ist.

Ausstellung: "Papier macht Mode", Künstlergruppe Bad Bellingen, Galerie BW, Rheinstraße 15 in Bad Bellingen. Bis 21. September. Öffnungszeiten montags, dienstags, donnerstags, freitags, jeweils 15 bis 18 Uhr, und nach Vereinbarung, Tel. 07635/8714. Internet http://www.galerie-bw.de.