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03. September 2014

Hat die Bahn den Zug verpasst?

Verkehrspolitiker diskutieren über Lärm durch Güterzüge.

  1. Macht Bahnlärm wirklich krank, und wenn ja wie krank? Das Bürger-Bündnis Bahn ist davon überzeugt, die Gruppe hat in Auggen diese Schilder aufgestellt. Foto: Dorothee Philipp (2)

  2. Macht Bahnlärm wirklich krank und wenn ja wie krank? Das Bürger-Bündnis Bahn ist davon überzeugt, die Gruppe hat in Auggen diese Schilder aufgestellt. Foto: Dorothee Philipp (2)

  3. Der Lärm der Güterzüge stand im Fokus einer Podiumsdiskussion in Bad Bellingen mit dem Bahn-Bevollmächtigten Eckart Fricke, dem Schweizer Verkehrspolitiker Philipp Wälterlin, dem Bundestagsabgeordneten Armin Schuster, Verkehrsstaatssekretärin Gisela Splett und IG-Bohr-Sprecher Roland Diehl. Foto: Dorothee Philipp

BAD BELLINGEN. Das Rad muss zwar nicht neu erfunden werden, aber einiges darum herum schon. Die Quelle des Lärms von Güterzügen sind die Räder, und hier könnte eine fortschrittliche Technologie die Emissionen spürbar verringern. Das wurde deutlich in einer Podiumsdiskussion im Bad Bellinger Kurhaus, zu der der CDU-Bundestagsabgeordnete Armin Schuster eingeladen hatte.

Die Auswahl der Diskutanten war gut gelungen, neben Eckart Fricke, dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn AG für Baden-Württemberg, hatte Schuster den Schweizer Verkehrspolitiker Philipp Wälterlin und die Staatssekretärin im Stuttgarter Verkehrsministerium, Gisela Splett, nach Bad Bellingen eingeladen. Auf dem Podium saß außerdem mit Roland Diehl ein gewichtiger Repräsentant der gesamten oberrheinischen Bürgerinitiativen (IG BOHR).

Dass Schuster immer wieder neben den Ausbauvarianten der Rheintalbahn auch das so genannte rollende Material im Blick hat, hat er zu verschiedenen Gelegenheiten schon betont. Es sei sein Ziel zu zeigen, was gehen könnte, wenn man hier entschlossener ansetzen würde, sagte er zu Beginn der Diskussion. Philipp Wälterlin wurde hinsichtlich dessen, was die Schweiz hier bereits geleistet hat, von allen Seiten offen beneidet. In dem kleinen Alpenland gibt es ein kontinuierliches Monitoring, was Lärmmessungen angeht, das gesamte rollende Material der Schweizer Güterwagen soll bis 2015 umgerüstet sein. Das Ziel der Schweiz, bis 2015 zwei Drittel der vom Bahnlärm Betroffenen zu schützen, werde nur knapp verfehlt. Die 280 Kilometer Schallschutzwände, mit denen die Bahnstrecken verbaut sind, hätten gezeigt, dass man damit nicht mehr weiterkomme, da sich der Lärm nach oben ausbreite. Die meisten der ausländischen Güterwaggons aber, die in der Schweiz verkehren, sind aus Deutschland. "Das verdirbt uns die Bilanz", stellte Wälterlin fest. Erst wenn die Wagen aus Deutschland umgerüstet seien, werde es in der Schweiz ruhig.

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Eckart Fricke betonte, dass der Lärmschutz an erster Stelle der Unternehmenspolitik stehe und die Bahn am Umrüsten der Wagen sei: Bis Ende 2014 sollen es 14 000 sein, bis 2020 dann 75 000. Das Problem beim Umrüsten alter Wagen sind die Drehgestelle. Trotz neuer Bremsen ist die Lärmminderung nicht so effizient, wie sie sein könnte. Das schaffen erst moderne Scheibenbremsen, wie sie in Neubauten üblich sind. Aber auch hier gibt es ein Problem: Güterzüge sind erheblich schwerer als Personenzüge und brauchen eine bessere Bremsleistung. Die Schweiz hat diese Herausforderung bereits angenommen und stellt 30 Millionen Franken für die Entwicklung neuer Produkte zur Verfügung und sie steckt weitere 20 Millionen in die Erforschung der Technologien, erläuterte Wälterlin.

Die Probleme auf deutscher Seite fangen bei der Politik an, stellte Gisela Splett fest: Hierzulande fehlen immer noch verbindliche Grenzwerte für Bestandsstrecken, und die Lärmaktionspläne der Kommunen sind so lange ein "stumpfes Schwert", wie das zuständige Eisenbahnbundesamt (EBA) keine Lärmkartierung der Bahnstrecken vorlegt, die eigentlich Ende 2012 hätte abgeschlossen sein sollen. Splett forderte eine Stärkung des EBA, auch auf personeller Ebene. Es könne nicht angehen, dass die Abläufe im Bahnsektor so schleppend sind.

Blockade durch

Schienenbonus

"Überall im Verkehrswesen gibt es neue, leise Technologien, nur bei der Bahn nicht", sagte die Grünen-Politikerin. Der Schienenbonus habe das über Jahrzehnte blockiert. Die Politik, durch finanzielle Anreize lärmarme Güterzüge zu fördern, zeigt auch für Roland Diehl in die richtige Richtung. Er brachte aber auch das Hauptproblem der Regio zur Sprache: Bevor man über Rollmaterial und Schallschutzwände diskutiere, sollte man über die Trassenführung der Güterzugstrecken nachdenken. "Wo es möglich ist, außerhalb der Wohnbebauung, wo es nicht geht, eben eine Etage tiefer", sagte er unter dem Beifall der Zuhörer. Auggens Bürgermeister Fritz Deutschmann zweifelte an Frickes Prognose, dass 75 000 umgerüstete Güterwaggons den Bahnlärm wirklich mindern. Das Besonders Überwachte Gleis (BÜG), das durch häufiges Glattschleifen den Lärm der Räder mindern soll, sei lediglich "Kosmetik". Grundsätzlicher Lärmschutz beginne an der Wahl der Trasse, lenkte Deutschmann das Augenmerk auf die aktuelle Diskussion in der Regio.

Macht Bahnlärm wirklich krank, und wenn ja, wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus? Schuster vermisst eine grundlegende Studie dazu, wie Menschen Lärm wahrnehmen und was man dagegen machen kann. "Zahlen, Daten, Fakten erzeugen Druck im Parlament", ist sich Schuster sicher.

Autor: Dorothee Philipp